Nachdem ich Kevins Apartment in Macau verlassen musste, habe
ich den Service der Casinos bzw. um genauer zu sein des Lisaboas (dem
Lotusförmigen Casino in der Mitte von Macau) in Anspruch genommen und dort mein
Gepäck geparkt, damit ich den letzten angebrochenen Tag noch nutzen konnte. Als
ich dann gegen Abend etwas müde dorthin zurückkehrte machte ich kurz darauf
auch noch von dem Shuttlebus gebrauch, der mich an die chinesische Grenze
beförderte und von dort habe ich dann mal wieder einen ultramodernen Zug zu
meinem nächsten Stop genommen.
Nach gut einer Stunde kam ich in Guangzhou oder wie es
früher hieß Kanton, an. Guangzhou war der erste Ort in China an dem ich
wirklich entspannen konnte. Auch für chinesische Verhältnisse ist Guangzhou
eine Großstadt (nach europäischen also eine Metropole) aber trotzdem nicht
touristisch. Die meisten Reisenden fahren durch oder sind auf Geschäftsreise en.
Die Stadt lebt von der umliegenden Industrie, ein bisschen wie Frankfurt bloß,
dass hier ncht die Bänker den Ton angeben sondern die Fabrik—und Firmenbesitzer.
Dementsprechend gibt es wenige Touristenattraktionen und noch weniger
Tourigeier. Das ist auch schon mal das aller erste, das mir auffällt, als ich
Abends ankomme. Niemand der mir irgendwelchen Krempel auf quatschen möchte und
keine trickbetrüger die nur meine blonden Haare sehen und schon zu mir hin
eilen. Meine Host Karen wohnt in einem Viertel in dem sich früher viele
Menschen aus Afrika niedergelassen haben. Während ich also gemütlich zu ihrer
Wohnung laufe, komme ich an vielen internationalen Restaurants vorbei und die
Homogenität der chinesischen Bevölkerung drängt sich mir nicht ganz so auf.
Karen ist eine junge Chinesin, die bei einer großen Firma für die
Personalabteilung arbeitet. Sie lacht sehr viel, ist sehr aufgeweckt und auf
eine ganz ungezwungene Weise unglaublich gastfreundlich. Wir unterhalten uns
viel und sehr gut und ich muss sagen, dass sie vermutlich nicht ganz
unbeteiligt daran ist, dass mir Guangzhou so gefällt.
Während meiner Zeit in Guangzhou habe ich im Endeffekt nicht
viel gemacht. Meistens bin ich durch die Stadt spaziert und habe gegessen. Wenn
man mich fragt, eine wunderbare Art Urlaub zu machen. Besonders angetan hat es
mir die Gegend um die Enli Straße. Das ist die Haupteinkaufsstraße. Diese
Straße war ein Erlebnis für sich. Die Straße ist gespickt mit kleinen
Geschäften. Vor jedem Laden steht eine Frau mit einem Megaphon und beschallt
die Straße damit wie billig und toll ihre Produkte sind, wenn das Megaphon
kaputt ist, dann wird halt gebrüllt so laut man kann und wenn dann irgendwann
die Stimme versagt wird einfach geklatscht. Da alle 10 Meter ein weiteres
Geschäft ist, ist der Lärmpegel dementsprechend hoch. Beim Einkaufen wird man ja
auch hungrig deswegen laufen überall Menschen mit Handkarren herum die Snacks
in allen nur erdenklichen Variationen verkaufen. Diese brüllen so laut sie nur
können wie billig und wie lecker ihre Snacks sind. Über diesen Lärmpegel
unterhalten sich hundertausende wuselnder Chinesen. Das Ganze schafft, dann die
wohl lauteste und dichteste Einkaufsmeile der Welt. Etwas überfordert habe ich
mir einfach ein paar Muscheln gekauft (gebraten auf dem Grill, mit Ingwer,
Knoblauch und süßer Chilisoße und einem kleinem Bündel aus Glasnudeln) und mich
irgendwo hingesetzt und dem ganzen Treiben zugesehen. Als mir alles zu laut
wurde bin ich dann in einen Park gegangen.
Etwas was mir in China sehr gefällt ist, dass da Leben bzw.
ein Großteil des Lebens draußen stattfindet. Die Menschen sitzen draußen und
essen unterhalten sich, gehen spazieren, machen Tai Chi, tanzen oder machen
Sport. Es gibt auch in jedem Park ein paar Sportgeräte an denen man immer Leute
sieht die etwas Sport treiben. In Guangzhou waren in dem Park aber darüber
hinaus noch Menschen die Kantonopern gesungen haben, Musiker die etwas geübt
haben und viele Familien die herum spazierten. Es hatte eine friedvolle
angenehme Stimmung und ein wunderbarer Ort um den Chinesen beim Alltag
zuzusehen. Ich hab einen ganzen Tag dort verbracht und Fotos gemacht. Besonders
angetan hatte es mir die farbenfrohe Kantonoper. Die für mich etwas
befremdlichen Klänge wurden durch den exzessiven Gebrauch von Schminke wieder
gut gemacht. Interessant fand ich, dass das Publikum (was im Schnitt über 60
gewesen sein dürfte) nicht wirklich viel zuhörte sondern meist ein bisschen
geredet hat und nur bei den Teilen wo auch was passiert ist richtig aufmerksam
war. Als mir dann irgendwann die Ohren klingelten, weil sich die Oper in
unendliche Höhen geschraubt hatte, bin ich dann in einen Tempel und habe mir
dort die Opfergaben und die betenden Menschen angeschaut. Mit gefüllter
Speicherkarte und mal zur Abwechslung nicht komplett erledigt kam ich Abends
heim, wo Karen für mich schon etwas zu essen gekocht hatte. So in der Art habe
ich ein Großteil meiner Zeit dort verbracht.
Wobei ein besonderes Erlebnis hatte ich in Guangzhou. Ich
war Tango tanzen. Nach etwas mehr als einem Monat ohne Tango hatte ich ein
tiefes inneres Bedürfnis und als ich auf einer Internetseite etwas über eine
Milonga in Guangzhou las war ich Feuer und Flamme. Stattgefunden hat sie in
einer kleinen Künstlersiedlung mit schicken Cafés und kleinen Boutiquen. Weil
Karen gerne mitwollte und ich mal Lust hatte einen anderen Tangolehrer zu
erleben sind wir zur Praktika (also der Übungsstunde davor) gegangen. Ein Paar
aus Boston hat unterrichtet. Auch wenn die Beiden mit uns nur Laufen geübt
haben, war es ganz interessant die Stunde zu erleben, weil sie viel mehr auf
Formalitäten geachtet haben als meine Tangolehrerin in Freiburg. Außer uns
beiden waren vielleicht noch fünf oder sechs Leute da alles Anfänger, die sich
etwas steif und verhalten bewegt haben. Nach der Praktika hat sich der Saal
langsam gefüllt. Sehr langsam. Aber als dann irgendwann eine Traube von
Menschen angekommen war, wurde (typisch chinesisch) erst mal das Buffet
aufgebaut. Furchtbarschlechte Pizzen und ganz passable Kuchen gab es und dazu
absolut köstlichen Tee. Was ich beim tanzen sehr schnell fest gestellt habe
war, dass viele der Anwesenden blutige Anfänger sind, die eigentlich mehr zum
zuschauen gekommen sind als zum tanzen. Dass Leute zum Zuschauen kommen ist
auch in Freiburg nicht unüblich aber dass mehr Leute zum Zuschauen als zum
tanzen kommen fand ich dann doch etwas eigenwillig. Mit etwas Geduld konnte ich
aber einige gute Tänzerinnen aus machen und habe mir natürlich auch eine
geschnappt. Ihren Namen habe ich vergessen aber sie hat wirklich gut getanzt,
auch wenn es manchmal nicht ganz einfach war sie zu führen. Nach guten zwei
Stunden dann kam Karen zu mir und meinte, dass sie jetzt gehen würde, weil sie
gern noch Salsa tanzen gehen will und sie warnte mich vor, dass die Milonga
dreimal so viel Kostet wie auf der Webseite beschrieben. Das hat mich dann doch
sehr geärgert, vor allem da mir langsam aber sicher das Bargeld ausging und ich
keine Lust hatte nochmal welches abzuheben. Noch mehr geärgert hat mich dann,
dass sich irgendwann eine kleine Traube aus jungen Mädchen um mich gebildet hat
die alle ganz versessen darauf waren englisch mit mir englisch zu reden,
während ich eigentlich zum tanzen gekommen war. Gegen Ende der ganzen
Veranstaltung haben die beiden Tanzlehrer aus Boston dann eine kleine Show
gemacht. Sie haben getanzt wie junge Götter aber viel wichtiger für mich war,
dass nach ihrer Show alles etwas umgeräumt werden musste. In diesem Gewusel habe
ich dann fix meine Tasche geschnappt und bin zielsicher zum Ausgang gelaufen
und dann schnell zur U-Bahn. Die Vorstellung für einen mittelmäßigen Tangoabend
fast 25 € zu zahlen hat mich doch sehr aufgeregt und die Dame an der Kasse war
so beschäftigt damit die Tische hin und her zu schieben, dass sie gar nicht
gemerkt hat wie ich mich verkrümelte. In der U-Bahn beschloss ich dann, dass
dafür dass ich nichts gezahlt habe es dann doch ein ganz guter Abend war.
Mein toller Reiseführer hatte auch noch einen Tipp. Ein
Viertel Guangzhous das für die Asian Games (eine Ort Olympiade bloß, dass alle
Teilnehmer Asiaten sind) komplett neu gebaut wurde und für das sich die Stadt
lauter tolle Architekten hat kommen lassen. Zhoujan Newtown heißt das Ganze. Im
Zentrum ist ein langer Park unter dem sich die World Shopping Mall befindet.
Der Park und alles in seiner Umgebung, sieht aus wie frisch vom Reisbrett eines
Architektenbüros. Ich habe noch nie so viel so beeindruckende Architektur
gesehen. Riesige Wolkenkratzer in faszinierenden Farb- und Formvariationen, ein
Konzerthaus, das aussieht wie ein Raumschiff und eine umwerfende Bibliothek.
Ich laufe Kilometer um Kilometer und bin zu tiefst beeindruckt. Eines muss man
der Diktatur des Volkes lassen, sie können Städte bauen. Besonders die
Bibliothek war gigantisch. Ich muss an dem Puntk zugeben, dass ich immer gern
in Bibliotheken gehe, da ich mich dort irgendwie immer zu Hause fühle. Vermutlich
weil ich einen beträchtlichen Teil meiner Kindheit in diversen Büchereien, Mediatheken
und Bibliotheken verbracht habe. Die Bibliothek bestand aus zwei getrennten
teilen die längs geteilt waren und durch eine mit Glasüberdachten Innenhof und
diverse Brücken verbunden waren. Im zweiten Stock (glaube ich) hab es einen
Lesebereich in dem man mit visuellen Reizen stimuliert werden soll. Sprich man
konnte das Dschungelbuch zwischen Palmen und alte Geschichten vom Hof des Kaisers
aus pseudoantiken Möbeln lesen. Im Foyer gab es dann noch eine interaktive Ausstellung
zur Geschichte von Guangzhou, welche zwar explizit an chinesische Kinder
gerichtet war aber das hat mich nicht davon abgehalten alle Filme zu sehen und
Kurbeln zu drehen, auch wenn mein chinesisch eher nicht existent ist. Ein Tag nachdem
ich dort tagsüber rumgelaufen bin, war ich mit Karen und ihren Freunden bei einem
Thai essen (es war unglaublich lecker) und anschließend sind wir bei Nacht
nochmal nach Zhoujan Newtown und haben dort etwas im Park gesessen. Das Lichterspektakel
war umwerfend. Der Canton Tower leuchtete in allen Farben und die Bibliothek und
das Konzerthaus hatten Nachts durch dezente Beleuchtung noch viel mehr von
einem frisch gelandetem UFO.
Das waren eigentlich meine Highlights in Guangzhou. Im
Endeffekt habe ich nicht viel Aufregendes gemacht aber die Kombination aus
netten Menschen, ein viel langsameres Lebensgefühl und vor allem das viele gute
Essen, haben mich für diese Stadt gewonnen. Ohne ins pathetische abdriften zu
wollen aber es waren tatsächlich diese Kleinigkeiten die mir Guangzhou sehr
viel sympathischer als Peking oder Shanghai gemacht hat. Guangzhou ist ein
guter Ort um zu leben und zu atmen. Es gibt Städte de mir sehr gefallen haben
und in denen ich meine Zeit sehr genossen habe aber ich könnte mir nicht vorstellen
in ihnen zu leben, ein gutes Beispiel wäre da New Orleans. In Guangzhou war das
Gegenteil der Fall. Tiefenentspannt habe ich mich dann auf Empfehlung von Karen
nach Yangshou aufgemacht. Was im Nachhinein der emotionale Tiefpunkt meiner
Reise war.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen