Mittwoch, 7. Oktober 2015

Let me treat you



Gestern wurde ich gleich zwei Mal zum Essen eingeladen. Morgens habe ich mich kurz hingesetzt und ein paar Sachen für meine Uni gemacht und gegen elf kam dann eine Gruppe von sechs Leuten die mich zum Abschied noch einmal zum Essen einladen wollten. Wir haben eine Art Hotpot aber ohne Chilliöl und nicht scharf gegessen. Wie üblich waren so circa fünf Leute dabei die ich bisher noch nicht getroffen hatte. Inzwischen hat es etwas Inflationäres für mich Chinesen kennen zu lernen. Ich werde permanent von Chinesen angesprochen (vom permanenten Angestarrt werden in Bussen, U-Bahnen und Zügen mal ganz zu schweigen) und permanent will jemand mein Freund sein (nur weil ich aus dem Westen komme). Dabei muss man sagen, dass die Gespräche meistens wenig an Tiefe haben und sich immer um die Selben Themen drehen: Woher ich komme, dass Deutschland das entwickelste/ reichste/ großartigste Land ist in das schon mindestens einer ihrer Freunde gereist ist, ob ich chinesisch spreche, ob ich chinesisches Essen mag/ scharf essen kann und wenn das dann alles abgegrast ist werde ich gefragt ob ich eine Freundin habe. Häufig habe ich den Eindruck, dass man auch gern über andere Themen sprechen würde aber die mendelnden Sprachkennisse hindern daran. Ich kann mir die Namen inzwischen gar nicht mehr merken, da ich so viele Menschen treffe und sie alle zu einer gesichtslosen Masse verschwimmen. China ist ein spannender Ort aber was ich als sehr anstrengend und schwierig empfinde ist dass ich permanent angesprochen und regelrecht überrannt werde von Menschen die mich kennen lernen oder Zeit mit mir verbringen wollen.

Das soll nicht heißen, dass ich keine gute Zeit gestern hatte. Wir haben (wie immer) viel gegessen und die Chinesen sind ein sehr lustiges Volk und ich mag es, dass beim Essen immer viel geredet und gelacht wird. Wie üblich wurden auch einige Fotos gemacht und nach guten zwei Stunden sind wir dann gegangen. Nachmittags habe ich mich dann mit Orange getroffen und wir haben einige Experimente gemacht. Naja im Prinzip eines. Wir haben PBT geschmolzen und in kleine Partikel zerhächselt. Das hat aber sehr, sehr lange gedauert, da die Maschine sehr lange nicht mehr benutzt wurde und vermutlich noch viel länger nicht geputzt wurde. Wir haben um die 2kg PE verbraucht um sie putzen und so ca. 4h gebraucht bis sie sauber genug war. Zwischendurch haben wir vergessen das Wasser für das Wasserbad abzudrehen und eine riesige Überschwemmung erzeugt die dann nochmal so eine Stunde zum wegmachen gebraucht hat.

Während die Maschine warm lief sind wir dann noch essen gegangen und zwar eine andere Art Hotpot. Auch dieses Mal ohne eine Schicht aus Öl oben drauf aber mit sehr viel Chili. Es war extrem lecker und sehr scharf. Wir sind dafür in kleines Restaurant in der Nähe des Campus gegangen das einen wirklich sehr hübschen Balkon hatte.

Naja ich verbringe jetzt mal noch die letzten beide Tage (voraussichtlich) im Büro und dann geht es schon wieder heim.

Bis bald,

Zeno

Montag, 5. Oktober 2015

Xi‘an: So many people...



Die letzten Tage war ich nicht zu faul etwas zu schreiben sondern in Xi‘an und da ich auf meinen Ausflug nur eine Tasche mitnehmen wollte habe ich den Laptop zu Hause gelassen.

Am ersten Oktober wird in China die Gründung der Volksrepublik gefeiert und weil es in der Geschichte der Chinesen natürlich kein glorreicheres Ereignis gibt haben alle Chinesen einfach mal eine Woche frei vom ersten bis zum siebten (naja alle außer denen die ein Restaurant haben oder Taxi fahren und alle Läden haben auch auf und generell ist eigentlich kein Unterschied zwischen einem Feiertag und einem normalen Arbeitstag zu merken aber irgendwer wird schon frei haben). Zeno hatte den genialen Einfall sich in dieser Woche Xi’an anzusehen. Xi’an ist eine der ältesten Städte Chinas und war schon Hauptstadt da gab es Peking noch gar nicht. Die Stadt liegt sehr zentral und relativ nahe zur Wüste und ist zu ihrem Status eigentlich durch den ersten richtigen Kaiser von China gekommen, Qin Shihuangdi. Diese sehr kontroverse Figur hat vor über zweitausend Jahren große Teile Nordchinas erobert geeinigt, die chinesische Schrift vereinheitlicht, Straßen und generell Infrastruktur gebaut und eine organisatorische Basis gebildet die viele Dynastien durch gehalten hat. Gleichzeitig hat er einen persönlichen Groll gegen den Konfuzianismus gehegt und einfach mal über 600 Gelehrte lebendig begraben lassen. Noch heute gibt es einige Legenden über ihn von denen einige auch verfilmt wurden (ich kann ja den Film Hero sehr empfehlen). Heute dürfte er wohl am bekanntesten für sein Grab sein, in welches er ich eine Armee aus Terrakotta Soldaten hat stellen lassen. Diese Armee war auch der Grund warum ich nach Xi’an gefahren bin.

Am ersten Oktober bin ich also munter zum Bahnhof und habe  mich von dort aus auf die achtzehnstündige Fahrt begeben. Der Zug war erstaunlich leer (bzw. nicht überfüllt) und ich habe den Großteil der Zeit auf meinem Sitz rumgerutscht und versucht eine Position zu finden in der ich schlafen kann (ohne Erfolg). In Xi’an angekommen habe ich mich dann auf den Weg gemacht mein Hostel zu suchen. Chinesische Hostels sind im allgemeinen sehr zu empfehlen vor allem dieses. Es war bildhübsch eingerichtet, das Personal spricht sehr gut Englisch, die Zimmer sind sehr sauber, es gibt westliche Bäder und verhältnismäßig günstiges Essen. In diesem Hostel gab es sogar einen Billardtisch zur freien Verfügung und das alles im Zentrum von Xi’an und für 4€ die Nacht. Das einzige worin chinesische Hostels phänomenal schlecht sind, ist die Wegbeschreibung. Da war dieses keine Ausnahme. Ich bin bis zu Bushaltestelle gelaufen und dann hieß es wörtlich „500m zu Fuß von der Bushaltestelle befindet sich das Hostel“. Nun ja mit 500m ist ein großes Areal abgedeckt und ich habe ein Stunde gesucht. Irgendwann war ich sehr entnervt und bin in diverse Hotels rein und habe gefragt ob mir jemand helfen kann. Leider sprach von den Angestellten in diesen Hotels niemand englisch. Irgendwann aber habe ich ein junges Mädchen getroffen namens Mathilda die auch aus Chengdu kam und gerade Xi’an besuchte und mir geholfen hat mein Hostel zu finden. Als ich dann meine Sachen ausgepackt hatte und mich gerade auf den Weg in die Stadt machen wollte da stand Mathilda in der Lobby vom Hostel und meinte, dass ihre Freundinnen erst morgen kommen und sie schauen wollte ob alles okay sei. Kurzerhand haben wir dann gemeinsam Xi’an erkundet.

Am ersten Tag waren wir im muslimischen Viertel. Xi’an ist recht weit westlich in China (bzw. ziemlich zentral) und es gibt schon eine recht große muslimische Bevölkerung. Diese hat sich rund umd ei Moschee angesiedelt und über die Jahre ist aus dem kleinem Viertel eine große Touristenattraktion mit Lammkebab, gefüllten Fladenbroten, Sesamsüßigkeiten, Granatapfelsaft und viel Souvenirquatsch geworden. In diesem Viertel habe ich das erste Mal ein Gefühl dafür bekommen, was es heißt, wenn die Chinesen von vielen Menschen reden. Es war so gestopft voll, dass man nur im Pulk laufen konnte. Tausende von schwatzenden, essenden, fotografierenden Chinesen quetschen sich durch eine Gasse. Überall waren die Kebabstände die über glühender Holzkohle ihre Spieße grillten und so die ganze Gasse in einen dicken grauen Raus hüllten. Irgendwann haben wir uns ein kleinen Lammrestaurant rausgesucht und dort einige der Spezialitäten von Xi’an probiert. Eine Lammsuppe mit Brotstücken drin und dazu eingelegter, süßer Knoblauch und süße Chilisauce und mit Lamm gefüllte Fladenbrote. Das Personal war ausnehmend unfreundlich und genervt, was ich aber angesichts der Menschenmassen gut verstehen konnte. Nach diesem Ausflug bin ich abends noch durch Xi’an getingelt und habe Fotos gemacht.
Am nächsten Tag sind Mathilda und ich dann zu erst zu einem Museum über die Geschichte Xi’ans gegangen, da man aber knappe 4h hätte anstehen müssen (die Leute müssen schon um fünf dagewesen sein um sich für ein Ticket anzustellen. FÜNF UHR MORGENS), haben wir dann kurzer Hand beschlossen stattdessen in einen Tempel zu gehen in dem auch eine berühmte Pagode steht. Diese war zwar auch überfüllt aber da der Tempel sehr groß war, hat sich das alles wenigstens etwas verlaufen. Ich muss aber leider gestehen, dass alle Pagoden für mich inzwischen gleich aussehen. Alle haben sie einen hübschen Tempel drum herum und sind voller Touristen. Einige sind viereckig und einige sechseckig und alle haben nur Schilder auf Chinesisch und niemand ist da der genug englisch spricht um sie mir zu übersetzten. Trotzdem war es ganz nett. Nach einem kleinem Mittagessen haben Mathilda und ich dann  ihre beiden Freundinnen getroffen. Eine von beiden Phoebe hat in Australien ihren Highschoolabschluss gemacht und hat gerade ihren Bachelor in Psychologie in Großbritannien abgeschlossen. Wir sind zu viert auf die Stadtmauer von Xi’an gegangen und waren dort spazieren. Die Stadtmauer ist (zu Teilen) aus dem vierzehnten Jahrhundert und es gibt Volunteers dort die einem auf Englisch ein bisschen was über die Stadt und ihre Geschichte erzählen können. Es war richtig toll endlich mal wieder mit jemanden richtig fließend englisch reden zu können und auch tiefere Diskussionen zu führen ohne Sprachbarrieren zu haben und dazu kam die tolle Aussicht von der Stadtmauer. Kurzum ein gelungener Abend.
Meinen letzten Tag habe ich dann damit verbracht sehr früh aufzustehen um zur Terrakottaarmee zu fahren. Um sieben war ich an dem Busbahnhof und habe mit leichtem entsetzten festgestellt, dass schon um diese Uhrzeit hunderte von Chinesen für den Bus anstanden. Nach einer halben Stunde Anstehen für den Bus und einer Stunde Fahrt war ich dann bei der Ausgrabungsstätte (noch heute fast vierzig Jahre später werden Krieger ausgegraben, bei über 10.000 Figuren aber eigentlich kein Wunder). Es waren Milliarden an Menschen dort. Ich habe noch nie so viele Menschen gesehen. Ein Meer aus schwarzhaarigen Köpfen breitete sich vor mir aus, nur unterbrochen von gelegentlichen blonden Haaren von Amerikanern und Deutschen (listigerweise die einzigen westlichen Touristen die ich ausmachen konnte. Wieder musste ich eine halbe Stunde anstehen, wobei es hier sehr wichtig war seinen Platz in der Reihe gegen drängelnde Chinesen zu verteidigen, sprich Ellenbogen raus und durch. Sehr entnervt bin ich dann mit Ticket zur nächsten Schlange für den Securitycheck gelaufen und habe dort wieder eine halbe Stunde meinen Platz mit Händen und Füßen verteidigt. Als ich dann endlich auf dem Gelände war, war ich schon eher gereizt und zu allem Überfluss ist mir dann meine Kamera aus dem Schoß gepurzelt und verweigert seit dem den Dienst.
Die Terrakottaarmee ist sehr beeindruckend. Tausende und aber Tausende Statuen stehen aufgereiht in Kampfposition da und sehen aus als würden sie gleich losmarschieren um eine Stadt zu erobern. Jede Statue hat ein anderes Gesicht, andere Kleidung und ist individuell mit sehr viel Liebe zum Detail gestaltet und das bei über 10.000 Figuren, alle lebensgroß. Es gibt Offiziere, Bogenschützen, Streitwägen, Fußsoldaten, Waffen aus Stahl (die schon vor 2000 Jahren verchromt wurden und heute noch aussehen wie neu, man muss anmerken, dass die Technik des Verchromens im Westen erst in den 70ern wieder entdeckt wurde!), Prunkwägen aus Bronze und Gold und alles steht in Reih und Glied. In einigen der Hallen wird noch ausgegraben. In den Hallen war es so voll das es unmöglich war einen Blick auf die Statuen zu werfen ohne jemanden weh zu tun. Hier habe ich von meiner Größe profitiert. Ich habe gedrückt, gedrängelt und mir mit meinen Ellenbogen Platz verschafft (ich hoffe bloß, dass ich niemanden etwas gebrochen habe). Mein absolutes Highlight des Tages war eine Amerikanerin die irgendwann die Fassung verloren hat und mit ihrem Selfiestick angefangen hat blind in die Menge rein zu prügeln, was bei den Securitymenschen (die angesichts der hohen Besucherzahl aus dem Militär stammte) nicht besonders gut ankam und dieser sie dann auf chinesisch ziemlich zusammen gefaltet hat. Man musste der Sprache nicht mächtig sein um zu verstehen, dass das  was er da gesagt hat nicht vor Kindern wiederholt werden sollte. Nach zwei Stunden Massentourismus, war ich nervlich etwas am Ende und bin dann zurück nach Xi’an und habe dort erst mal ein Mittagsschläfchen gehalten um dann danach nochmal die hinteren Gassen des muslimischen Viertels zu erkunden (die sehr viel empfehlenswerter sind als die Hauptstraße, überall kleine nette Läden, weniger Touristen und der angenehme Duft von Lammfleisch und Sesam in der Luft).

Nach drei sehr ereignisreichen Tagen bin ich dann gestern zum Zug und von Xi’an zurück nach Chengdu gepilgert. Jetzt habe ich noch vier Tage und dann heißt es schon wieder zurück nach Freiburg. Wie die Zeit verfliegt.

Ich gehe jetzt erst mal was essen und mir einen Tee holen. Bis bald,

Zeno