Mittwoch, 7. Oktober 2015

Let me treat you



Gestern wurde ich gleich zwei Mal zum Essen eingeladen. Morgens habe ich mich kurz hingesetzt und ein paar Sachen für meine Uni gemacht und gegen elf kam dann eine Gruppe von sechs Leuten die mich zum Abschied noch einmal zum Essen einladen wollten. Wir haben eine Art Hotpot aber ohne Chilliöl und nicht scharf gegessen. Wie üblich waren so circa fünf Leute dabei die ich bisher noch nicht getroffen hatte. Inzwischen hat es etwas Inflationäres für mich Chinesen kennen zu lernen. Ich werde permanent von Chinesen angesprochen (vom permanenten Angestarrt werden in Bussen, U-Bahnen und Zügen mal ganz zu schweigen) und permanent will jemand mein Freund sein (nur weil ich aus dem Westen komme). Dabei muss man sagen, dass die Gespräche meistens wenig an Tiefe haben und sich immer um die Selben Themen drehen: Woher ich komme, dass Deutschland das entwickelste/ reichste/ großartigste Land ist in das schon mindestens einer ihrer Freunde gereist ist, ob ich chinesisch spreche, ob ich chinesisches Essen mag/ scharf essen kann und wenn das dann alles abgegrast ist werde ich gefragt ob ich eine Freundin habe. Häufig habe ich den Eindruck, dass man auch gern über andere Themen sprechen würde aber die mendelnden Sprachkennisse hindern daran. Ich kann mir die Namen inzwischen gar nicht mehr merken, da ich so viele Menschen treffe und sie alle zu einer gesichtslosen Masse verschwimmen. China ist ein spannender Ort aber was ich als sehr anstrengend und schwierig empfinde ist dass ich permanent angesprochen und regelrecht überrannt werde von Menschen die mich kennen lernen oder Zeit mit mir verbringen wollen.

Das soll nicht heißen, dass ich keine gute Zeit gestern hatte. Wir haben (wie immer) viel gegessen und die Chinesen sind ein sehr lustiges Volk und ich mag es, dass beim Essen immer viel geredet und gelacht wird. Wie üblich wurden auch einige Fotos gemacht und nach guten zwei Stunden sind wir dann gegangen. Nachmittags habe ich mich dann mit Orange getroffen und wir haben einige Experimente gemacht. Naja im Prinzip eines. Wir haben PBT geschmolzen und in kleine Partikel zerhächselt. Das hat aber sehr, sehr lange gedauert, da die Maschine sehr lange nicht mehr benutzt wurde und vermutlich noch viel länger nicht geputzt wurde. Wir haben um die 2kg PE verbraucht um sie putzen und so ca. 4h gebraucht bis sie sauber genug war. Zwischendurch haben wir vergessen das Wasser für das Wasserbad abzudrehen und eine riesige Überschwemmung erzeugt die dann nochmal so eine Stunde zum wegmachen gebraucht hat.

Während die Maschine warm lief sind wir dann noch essen gegangen und zwar eine andere Art Hotpot. Auch dieses Mal ohne eine Schicht aus Öl oben drauf aber mit sehr viel Chili. Es war extrem lecker und sehr scharf. Wir sind dafür in kleines Restaurant in der Nähe des Campus gegangen das einen wirklich sehr hübschen Balkon hatte.

Naja ich verbringe jetzt mal noch die letzten beide Tage (voraussichtlich) im Büro und dann geht es schon wieder heim.

Bis bald,

Zeno

Montag, 5. Oktober 2015

Xi‘an: So many people...



Die letzten Tage war ich nicht zu faul etwas zu schreiben sondern in Xi‘an und da ich auf meinen Ausflug nur eine Tasche mitnehmen wollte habe ich den Laptop zu Hause gelassen.

Am ersten Oktober wird in China die Gründung der Volksrepublik gefeiert und weil es in der Geschichte der Chinesen natürlich kein glorreicheres Ereignis gibt haben alle Chinesen einfach mal eine Woche frei vom ersten bis zum siebten (naja alle außer denen die ein Restaurant haben oder Taxi fahren und alle Läden haben auch auf und generell ist eigentlich kein Unterschied zwischen einem Feiertag und einem normalen Arbeitstag zu merken aber irgendwer wird schon frei haben). Zeno hatte den genialen Einfall sich in dieser Woche Xi’an anzusehen. Xi’an ist eine der ältesten Städte Chinas und war schon Hauptstadt da gab es Peking noch gar nicht. Die Stadt liegt sehr zentral und relativ nahe zur Wüste und ist zu ihrem Status eigentlich durch den ersten richtigen Kaiser von China gekommen, Qin Shihuangdi. Diese sehr kontroverse Figur hat vor über zweitausend Jahren große Teile Nordchinas erobert geeinigt, die chinesische Schrift vereinheitlicht, Straßen und generell Infrastruktur gebaut und eine organisatorische Basis gebildet die viele Dynastien durch gehalten hat. Gleichzeitig hat er einen persönlichen Groll gegen den Konfuzianismus gehegt und einfach mal über 600 Gelehrte lebendig begraben lassen. Noch heute gibt es einige Legenden über ihn von denen einige auch verfilmt wurden (ich kann ja den Film Hero sehr empfehlen). Heute dürfte er wohl am bekanntesten für sein Grab sein, in welches er ich eine Armee aus Terrakotta Soldaten hat stellen lassen. Diese Armee war auch der Grund warum ich nach Xi’an gefahren bin.

Am ersten Oktober bin ich also munter zum Bahnhof und habe  mich von dort aus auf die achtzehnstündige Fahrt begeben. Der Zug war erstaunlich leer (bzw. nicht überfüllt) und ich habe den Großteil der Zeit auf meinem Sitz rumgerutscht und versucht eine Position zu finden in der ich schlafen kann (ohne Erfolg). In Xi’an angekommen habe ich mich dann auf den Weg gemacht mein Hostel zu suchen. Chinesische Hostels sind im allgemeinen sehr zu empfehlen vor allem dieses. Es war bildhübsch eingerichtet, das Personal spricht sehr gut Englisch, die Zimmer sind sehr sauber, es gibt westliche Bäder und verhältnismäßig günstiges Essen. In diesem Hostel gab es sogar einen Billardtisch zur freien Verfügung und das alles im Zentrum von Xi’an und für 4€ die Nacht. Das einzige worin chinesische Hostels phänomenal schlecht sind, ist die Wegbeschreibung. Da war dieses keine Ausnahme. Ich bin bis zu Bushaltestelle gelaufen und dann hieß es wörtlich „500m zu Fuß von der Bushaltestelle befindet sich das Hostel“. Nun ja mit 500m ist ein großes Areal abgedeckt und ich habe ein Stunde gesucht. Irgendwann war ich sehr entnervt und bin in diverse Hotels rein und habe gefragt ob mir jemand helfen kann. Leider sprach von den Angestellten in diesen Hotels niemand englisch. Irgendwann aber habe ich ein junges Mädchen getroffen namens Mathilda die auch aus Chengdu kam und gerade Xi’an besuchte und mir geholfen hat mein Hostel zu finden. Als ich dann meine Sachen ausgepackt hatte und mich gerade auf den Weg in die Stadt machen wollte da stand Mathilda in der Lobby vom Hostel und meinte, dass ihre Freundinnen erst morgen kommen und sie schauen wollte ob alles okay sei. Kurzerhand haben wir dann gemeinsam Xi’an erkundet.

Am ersten Tag waren wir im muslimischen Viertel. Xi’an ist recht weit westlich in China (bzw. ziemlich zentral) und es gibt schon eine recht große muslimische Bevölkerung. Diese hat sich rund umd ei Moschee angesiedelt und über die Jahre ist aus dem kleinem Viertel eine große Touristenattraktion mit Lammkebab, gefüllten Fladenbroten, Sesamsüßigkeiten, Granatapfelsaft und viel Souvenirquatsch geworden. In diesem Viertel habe ich das erste Mal ein Gefühl dafür bekommen, was es heißt, wenn die Chinesen von vielen Menschen reden. Es war so gestopft voll, dass man nur im Pulk laufen konnte. Tausende von schwatzenden, essenden, fotografierenden Chinesen quetschen sich durch eine Gasse. Überall waren die Kebabstände die über glühender Holzkohle ihre Spieße grillten und so die ganze Gasse in einen dicken grauen Raus hüllten. Irgendwann haben wir uns ein kleinen Lammrestaurant rausgesucht und dort einige der Spezialitäten von Xi’an probiert. Eine Lammsuppe mit Brotstücken drin und dazu eingelegter, süßer Knoblauch und süße Chilisauce und mit Lamm gefüllte Fladenbrote. Das Personal war ausnehmend unfreundlich und genervt, was ich aber angesichts der Menschenmassen gut verstehen konnte. Nach diesem Ausflug bin ich abends noch durch Xi’an getingelt und habe Fotos gemacht.
Am nächsten Tag sind Mathilda und ich dann zu erst zu einem Museum über die Geschichte Xi’ans gegangen, da man aber knappe 4h hätte anstehen müssen (die Leute müssen schon um fünf dagewesen sein um sich für ein Ticket anzustellen. FÜNF UHR MORGENS), haben wir dann kurzer Hand beschlossen stattdessen in einen Tempel zu gehen in dem auch eine berühmte Pagode steht. Diese war zwar auch überfüllt aber da der Tempel sehr groß war, hat sich das alles wenigstens etwas verlaufen. Ich muss aber leider gestehen, dass alle Pagoden für mich inzwischen gleich aussehen. Alle haben sie einen hübschen Tempel drum herum und sind voller Touristen. Einige sind viereckig und einige sechseckig und alle haben nur Schilder auf Chinesisch und niemand ist da der genug englisch spricht um sie mir zu übersetzten. Trotzdem war es ganz nett. Nach einem kleinem Mittagessen haben Mathilda und ich dann  ihre beiden Freundinnen getroffen. Eine von beiden Phoebe hat in Australien ihren Highschoolabschluss gemacht und hat gerade ihren Bachelor in Psychologie in Großbritannien abgeschlossen. Wir sind zu viert auf die Stadtmauer von Xi’an gegangen und waren dort spazieren. Die Stadtmauer ist (zu Teilen) aus dem vierzehnten Jahrhundert und es gibt Volunteers dort die einem auf Englisch ein bisschen was über die Stadt und ihre Geschichte erzählen können. Es war richtig toll endlich mal wieder mit jemanden richtig fließend englisch reden zu können und auch tiefere Diskussionen zu führen ohne Sprachbarrieren zu haben und dazu kam die tolle Aussicht von der Stadtmauer. Kurzum ein gelungener Abend.
Meinen letzten Tag habe ich dann damit verbracht sehr früh aufzustehen um zur Terrakottaarmee zu fahren. Um sieben war ich an dem Busbahnhof und habe mit leichtem entsetzten festgestellt, dass schon um diese Uhrzeit hunderte von Chinesen für den Bus anstanden. Nach einer halben Stunde Anstehen für den Bus und einer Stunde Fahrt war ich dann bei der Ausgrabungsstätte (noch heute fast vierzig Jahre später werden Krieger ausgegraben, bei über 10.000 Figuren aber eigentlich kein Wunder). Es waren Milliarden an Menschen dort. Ich habe noch nie so viele Menschen gesehen. Ein Meer aus schwarzhaarigen Köpfen breitete sich vor mir aus, nur unterbrochen von gelegentlichen blonden Haaren von Amerikanern und Deutschen (listigerweise die einzigen westlichen Touristen die ich ausmachen konnte. Wieder musste ich eine halbe Stunde anstehen, wobei es hier sehr wichtig war seinen Platz in der Reihe gegen drängelnde Chinesen zu verteidigen, sprich Ellenbogen raus und durch. Sehr entnervt bin ich dann mit Ticket zur nächsten Schlange für den Securitycheck gelaufen und habe dort wieder eine halbe Stunde meinen Platz mit Händen und Füßen verteidigt. Als ich dann endlich auf dem Gelände war, war ich schon eher gereizt und zu allem Überfluss ist mir dann meine Kamera aus dem Schoß gepurzelt und verweigert seit dem den Dienst.
Die Terrakottaarmee ist sehr beeindruckend. Tausende und aber Tausende Statuen stehen aufgereiht in Kampfposition da und sehen aus als würden sie gleich losmarschieren um eine Stadt zu erobern. Jede Statue hat ein anderes Gesicht, andere Kleidung und ist individuell mit sehr viel Liebe zum Detail gestaltet und das bei über 10.000 Figuren, alle lebensgroß. Es gibt Offiziere, Bogenschützen, Streitwägen, Fußsoldaten, Waffen aus Stahl (die schon vor 2000 Jahren verchromt wurden und heute noch aussehen wie neu, man muss anmerken, dass die Technik des Verchromens im Westen erst in den 70ern wieder entdeckt wurde!), Prunkwägen aus Bronze und Gold und alles steht in Reih und Glied. In einigen der Hallen wird noch ausgegraben. In den Hallen war es so voll das es unmöglich war einen Blick auf die Statuen zu werfen ohne jemanden weh zu tun. Hier habe ich von meiner Größe profitiert. Ich habe gedrückt, gedrängelt und mir mit meinen Ellenbogen Platz verschafft (ich hoffe bloß, dass ich niemanden etwas gebrochen habe). Mein absolutes Highlight des Tages war eine Amerikanerin die irgendwann die Fassung verloren hat und mit ihrem Selfiestick angefangen hat blind in die Menge rein zu prügeln, was bei den Securitymenschen (die angesichts der hohen Besucherzahl aus dem Militär stammte) nicht besonders gut ankam und dieser sie dann auf chinesisch ziemlich zusammen gefaltet hat. Man musste der Sprache nicht mächtig sein um zu verstehen, dass das  was er da gesagt hat nicht vor Kindern wiederholt werden sollte. Nach zwei Stunden Massentourismus, war ich nervlich etwas am Ende und bin dann zurück nach Xi’an und habe dort erst mal ein Mittagsschläfchen gehalten um dann danach nochmal die hinteren Gassen des muslimischen Viertels zu erkunden (die sehr viel empfehlenswerter sind als die Hauptstraße, überall kleine nette Läden, weniger Touristen und der angenehme Duft von Lammfleisch und Sesam in der Luft).

Nach drei sehr ereignisreichen Tagen bin ich dann gestern zum Zug und von Xi’an zurück nach Chengdu gepilgert. Jetzt habe ich noch vier Tage und dann heißt es schon wieder zurück nach Freiburg. Wie die Zeit verfliegt.

Ich gehe jetzt erst mal was essen und mir einen Tee holen. Bis bald,

Zeno

Mittwoch, 30. September 2015

Dies und das



Am Sonntag habe ich gelernt wie man Majong spielt. Majong ist eine chinesische Version von Skart. Anstatt mit Karten wir mit Steinen gespielt die mit drei verschiedenen Symbolen und Nummern von eins bis neune bedruckt sind. Das ganze wird zu viert gespielt und man muss Steinchen sammeln. Majong erfreut sich extremer Beliebtheit in China. Man sieht viele alte Damen in Teehäusern sitzen und Majong spielen (natürlich um Geld, Chinesen lieben Glücksspiel) und die Chinesen sagen immer, dass die alten Damen ihre Enkel irgendwo parken um dann Majong spielen zu können. Wir haben nicht um Geld gespielt aber da an dem Tag Mondfest war (im Prinzip ein Fest zur Sonnenwende) haben wir Mondkuchen gegessen. Eine Art Pastete gefüllt mit Fleisch oder süßer Paste. Die mit süßer Paste sind sehr lecker die mit Fleisch… waren nicht mein Fall. Nach vier Spielen hatte ich dann alles so weit verinnerlicht, dass ich auch mal gewonnen habe und nach ein paar Stündchen sind wir dann heimgegangen. Oh erwähnen möchte ich noch die Majongtische. Vollautomatisch haben diese die Steine gemischelt und ausgeteilt. Alles sehr fancy.

Die letzten Tage habe ich dann wieder viel im Labor und im Office gesessen und gelesen und Proben hergestellt. Dabei habe ich mich viel mit Orange unterhalten und schon die ersten Abschiedsgeschenke bekommen. So anstrengend China und die Chinesen sind, umso spannender ist es bei ihnen zu sein. Ich mag das Chaos, die entspannte Art, das viele Essen überall und um ganz ehrlich zu sein mag auch den Dreck. Das Leben in China ist nicht so geradlinig wie in Deutschland alles ist etwas anstrengender und außerdem sind die Leute sehr gastfreundlich und machen einem andauernd Komplimente.

Naja. Ich muss jetzt tatsächlich schon los, denn mein Zug nach Xi’an fährt bald. Gestern habe ich noch heraus gefunden, dass ich nicht die vollen 18 Stunden Zugfahrt stehen muss sondern einen Sitzplatz habe. Ich hätte Orange am liebsten geküsst als sie mir das erzählt hat. Ich war überglücklich.

So jetzt muss ich aber los. Bis die Tage,

Zeno

Samstag, 26. September 2015

This is the Life



Die letzten Tage waren sehr ereignisreich. Nicht im Labor aber dafür außerhalb. Als erstes war ich am Mittwoch Swing tanzen. Nachdem ich der festen Überzeugung war, dass es Chengdu keine Tango Szene gibt habe ich beschlossen Swing eine Chance zu geben, da dieser hier sehr beliebt ist. Also bin ich mittwochs in eine Bar nicht weit vom Campus gegangen in der eine kurze Einführung war und anschließend getanzt wurde. Es war sehr angenehm. Die Chinesen waren alle sehr locker drauf, es waren ein paar Ausländer da und die Bar war sehr stimmungsvoll. Das einzige was etwas blöd war, war meine mangelnde Swing-Kenntnis. Am nächsten Tag war morgens in Vortrag von einem Mann der bei der BASF in der Forschung tätig ist. Da ich im Büro eh nur am lesen war, bin ich hingegangen. Der Vortrag ging vor allem um die Gebiete in denen die BASF gerade forscht (also im Hinblick auf Polymerwissenschaften) und welche neue Produkte sie entwickelt haben. Nach dem Vortrag bin ich dann zu dem guten Mann gegangen und habe ihn mal gefragt, ob die BASF auch Praktikanten nimmt die noch in ihrem Bachelor sind. Er meinte wir sollen mal darüber reden, wenn ich wieder in Deutschland bin und hat mir seine Karte gegeben. Da bin ich mal gespannt.
Abends bin ich dann mit einigen Studenten aus der Gruppe zu einer Veranstaltung über einen Auslandsaufenthalt in Deutschland gegangen. Diese wurde von einer jungen Frau veranstaltet die acht Jahre lang in Deutschland gelebt und studiert hat. Wir haben uns ein wenig auf Deutsch unterhalten und danach habe ich dann auf meinem Handy Artikel gelesen, weil die Veranstaltung selber auf Chinesisch war. Freitags dann war ich an der Reihe eine kleine Präsentation zu geben. Es war das erste Treffen von der Arbeitsgruppe um Professor Fu und ich sollte etwas über mich, mein Program, meine Uni und Freiburg erzählen. Das habe ich ganz gewissenhaft gemacht und die Anwesenden waren ganz begeistert über die Bilder von Freiburg auch wenn ich glaube, dass die meisten mir nicht ganz folgen konnten, da ihr Englisch bzw. ihr gesprochenes Englisch eher gebrochen ist. Nach dem Treffen dann ist der ganze AK zum Hot Pot Dinner aufgebrochen. Knapp 50 Leute sind in das Restaurant gestürmt und dann wurde gegessen und getrunken. Der Hot Pot war wie üblich reichlich. Diverse Innereien, Fleisch von allen Tieren die essbar sind, Fisch und Dumplings, Gemüse und Seetang, Hackfleischbällchen und ab und zu werden kleine süße Snacks zwischendurch gereicht. Dazu gab es einmal frisch gepressten Wassermelonensaft und sehr schwaches Bier. Das habe sogar ich getrunken, da es weniger nach Bier als vielmehr nach Wasser mit Bieraroma geschmeckt hat. Ich fand es sehr schön, dass der ganze AK zusammenkam und Professor Fu und die anderen Professoren haben sich sichtlich bemüht, dass es allen gut geht bzw. alle eine schöne Zeit haben.
Gegen neun sind dann alle aufgebrochen und ich bin noch zum English Corner und habe dort mit dem Master Studenten gequatscht der das SEM betreut. Während wir uns unterhalten haben hat mich dann die junge Chinesin ausfindig gemacht die mich am Lotusbrunnen vor knapp drei Wochen angequatscht hat. Die bin ich dann auch den Rest des Abends nicht mehr los geworden. War aber trotzdem schön.
Am Freitag habe ich auch noch eine Mail bekommen von einer Tango Lehrerin in Chengdu die mir die Adresse von einer Milonga in Chengdu geschickt hat. Also bin ich am Samstag dann freudig durch die Stadt geeilt um endlich wieder Tango zu tanzen. Die Milonga war in einer Tanzschule bzw. in dem Ballsaal der Tanzschule. Es war sehr fancy mit richtigem Tanzboden und hübschen Lampen und allem drum und dran. Es waren im Endeffekt so um die zehn Leute da, wobei (was extrem ungewöhnlich ist) es mehr Männer gab als Frauen. In China ist der Tango grundsätzlich anders als in Freiburg. In Chengdu war man sehr auf Haltung und Technik bedacht. Ich persönlich tanze zwar viele Figuren und ich denke es gibt viele Tänzer die mehr Gefühl in ihrem Tanz haben als mich aber die Chinesen tanzen  gerade zu kalt. Sie machen die Figuren wie aus dem Bilderbuch aber allem fehlt es an Biss an Seele und an Feuer. Sie laufen mir zu langsam, lassen sich nicht treiben und auch schlecht führen. Ein Beispiel. Ich führe viel über meine linke Hand, gebe also viel Druck auf dieser, weil ich die Figuren selten zu Ende tanze sondern mich einfach treiben lasse. Also muss ich viele Impulse geben oder bekommen und dafür eignet sich die linke Hand finde ich sehr gut. Die Chinesen fanden meine Haltung alle zu stark und wollten die Figur immer so zu Ende tanzen wie sie gelernt hatten. Für mich lebt der Tango aus dem Dialog. Aufgrund der engen Haltung und dem starken Kontakt fühlt man sehr viel vom Partner und kann so als Führender viel leichter auf den oder die Folgenden eingehen. Wenn man sich dann eingespielt hat kann man sich regelrecht treiben lassen. Ich muss nur noch kurze Impulse geben und der Rest kommt dann beim Tanz. Ein ganz wunderbares und sehr intimes Gefühl. Hinzu kommt, dass es extrem schön aussieht wenn erst einmal flüssig getanzt wird. An diesen Punkt kam ich leider mit den Chinesen nicht. Deswegen habe ich mich auch entschlossen die 50 Yuan für die Milonga nicht zu zahlen und habe mich als alle außer mir am tanzen waren schnell verzogen. Aber auch wenn ich schon deutlich schönere Milongas hatte, hat es gut getan wieder zu tanzen. Tango ist mein Tanz und ich fühle mich immer gut wenn ich Tango tanze.

So jetzt lerne ich ein bisschen für die Uni und später lerne ich Majong.

Schönen Tag euch allen noch,

Zeno

Dienstag, 22. September 2015

Deconstructed



Die letzten beiden Tage waren eigentlich recht ereignislos. Ich habe im Labor unser Graphen mit ionischer Flüssigkeit versetzt und ansonsten nicht viel gemacht. Aber eben in dieser Ruhe lag der Knackpunkt. Ich habe mal ein Interview mit einem Architekten gesehen, der in Peking ein sehr beeindruckendes Gebäude entworfen und gebaut hat. Dieser meinte, dass er als er das erste Mal durch China gereist sei regelrecht „Deconstructed“ wurde. Dieses Gefühl habe ich auch jedes Mal wenn ich in China bin.

China ist ein sehr intensives Land. Es fängt bei der Geschichte und Kultur an. Sowohl das kaiserliche China als auch das kommunistische sind Welten von dem entfernt was wir im Westen erlebt haben. Beides führt dazu, dass die Mentalität der Chinesen grundverschieden ist von der unseren. In China gibt es einen viel stärkeren Personenkult und Status hat einen viel höheren Stellenwert. Zwei Beispiele möchte ich anführen. Das erste wären die Tempel zu ehren von Personen aus dem antiken Kaiserreich. Auch in Europa gibt es Kirchen die Heiligen gewidmet sind und gerade im Katholizismus werden auch Heilige verehrt aber eine Kirche ist immer noch ein Gotteshaus und somit steht dieser bzw. Jesu Christi im Mittelpunkt. In Tempeln hier in China dagegen werden konkrete Personen verehrt. Sie werden mit gewissen Qualitäten assoziiert und betet zu ihnen um Beistand zu erbitten. Dabei wird die Person aber gleichzeitig auf diese Qualität minimiert und nicht als historische Persönlichkeit wahrgenommen. Das führt mich direkt zu meinem zweiten Punkt. In China gibt es immer „das beste Restaurant“, „die beste Uni“, „den besten Professor“ und so weiter. Häufig werde ich gefragt welches die beste Uni in Deutschland sei und wenn ich antworte, dass das wenn dann vom Fach abhängt und da dann auch wieder davon auf was man Wert legt, gibt es im Allgemeinen eher Unverständnis und etwas verwunderte Blicke. In China sind die beiden Unis in Peking die besten Punkt. Ich tue mir mit so etwas unendlich schwer. Sicherlich genießt die LMU in München einen sehr guten internationalen Ruf aber das liegt daran, dass sie viel Forschung betreibt, was bedeutet, dass das ihr Schwerpunkt ist und dementsprechend weniger viel Wert auf die Qualität der Lehre gelegt wird. Natürlich sind die Uni Freiburg und Tübingen sehr alte Unis und dementsprechend renommiert aber ob ihre Ausbildung deswegen besser ist als in anderen Standorten ist fraglich. Auch wenn man die Forschung betrachtet ist es sehr schwierig die beste Uni zu finden, weil verschiedene Standorte verschieden Schwerpunkte haben. In China dagegen reicht e wenn man eine große Gruppe von Menschen von sich überzeugt und schon gilt man als de Beste oder der Beste und kann sich vor Andrang kaum retten. Ab diesem Zeitpunkt wird auch nicht mehr hinterfragt woher denn dieser Ruf kommt. Ich hab vor einiger Zeit mal einen Artikel gelesen über einen Mann der sich in der Provinz in China für einen ranghohen Politiker ausgegeben hat und so überzeugend war, dass er monatelang politische Ämter übernommen hat ohne überhaupt in der Partei zu sein und auch noch unter falschen Namen.

Das ist ein kultureller Unterschied der mir in letzter Zeit sehr auffällt aber auch abgesehen davon ist China intensiv. Das Land entwickelt sich mit rasantem Tempo. Überall sind Baustellen (häufig für Apartments die man gar nicht braucht), es ist viel lauter, dreckiger und voller als Deutschland und wie ich schon vorher erwähnt habe ist die Gesellschaft extrem homogen. Das alles führte dazu, dass ich mich die letzten Tage wie zerlegt gefühlt habe. Der Lärm, die Menschen und auch der Dreck lasen einen nicht so recht entspannen, ich war müde und ohne Bratsche und beraubt von der Möglichkeit mir zumindest mal etwas zu Essen zu kochen auch ohne Möglichkeit mich abzulenken. Ich habe mich gefühlt als sei mein ganzes Inneres nach außen gekehrt. Die ganze Verunsicherung über mich, mein Studium und meinen weiteren Weg, der Frust über mein beeinträchtigtes Privatleben und die Opfer die ich für mein Studium bringen muss und vor allem auch ein tiefes Gefühl von allein sein und gewisser Weise auch Einsamkeit. Zwischen mir und den Chinesen liegt ein viel weiterer Abgrund als zwischen mir und den Amerikanern und eine emotionale Bindung aufzubauen empfinde ich als bedeutend schwieriger. Natürlich habe ich viele Freunde in Deutschland und einsam bin ich sicher nicht aber in China fühle ich mich jedes Mal etwas verloren.

Das mag jetzt alles sehr traurig klingen aber im Endeffekt ist es das nicht. Dadurch dass das alles in mir hochkommt werde ich nochmals gezwungen mir Gedanken darüber zu machen. Mir wird klar, dass ich zwar Opfer für mein Studium (und hoffentlich auch meine Karriere) bringen muss aber dass das okay ist, weil es das ist was ich will und was mich glücklich macht. Ich bin ein Arbeitstier und lieber habe ich das Gefühl ein tolles Event verpasst zu haben als eine Gelegenheit zu verpassen mich weiter zu entwickeln und mein Studium voran zu bringen. Das Gefühl von allein sein und Einsamkeit ist etwas schwieriger. Einsamkeit hat seit Lothars Tod eine andere Dimension für mich angenommen und bedeutet häufig, dass ich emotional an einem Punkt bin an dem noch nicht viele in meinem Alter sind. Gleichzeitig hat sich durch Lothars Tod aber auch meine Verbindung zu Freunden und vor allem zu meiner Familie verändert, beziehungsweise gestärkt. Ich weiß, dass ich ein Netzwerk aus Menschen habe denen ich am Herzen liege und die mich auffangen können. Ich weiß, dass eine Nachricht vom anderen Ende der Welt mich sehr berühren kann und dass sowohl Raum als auch Zeit keine Einschränkungen sind.

Dieses Bewusstsein kommt mir nur wenn ich gefordert werde und ich an einem Ort bin der mich herausfordert und für mich ist China dieser Ort. Die letzten beiden Tage haben mich wieder einmal bestärkt meinen Weg zu gehen und das am Ende alles immer gut sein wird.