Die letzten beiden Tage waren eigentlich recht ereignislos.
Ich habe im Labor unser Graphen mit ionischer Flüssigkeit versetzt und
ansonsten nicht viel gemacht. Aber eben in dieser Ruhe lag der Knackpunkt. Ich
habe mal ein Interview mit einem Architekten gesehen, der in Peking ein sehr
beeindruckendes Gebäude entworfen und gebaut hat. Dieser meinte, dass er als er
das erste Mal durch China gereist sei regelrecht „Deconstructed“ wurde. Dieses
Gefühl habe ich auch jedes Mal wenn ich in China bin.
China ist ein sehr intensives Land. Es fängt bei der
Geschichte und Kultur an. Sowohl das kaiserliche China als auch das
kommunistische sind Welten von dem entfernt was wir im Westen erlebt haben. Beides
führt dazu, dass die Mentalität der Chinesen grundverschieden ist von der
unseren. In China gibt es einen viel stärkeren Personenkult und Status hat einen
viel höheren Stellenwert. Zwei Beispiele möchte ich anführen. Das erste wären
die Tempel zu ehren von Personen aus dem antiken Kaiserreich. Auch in Europa
gibt es Kirchen die Heiligen gewidmet sind und gerade im Katholizismus werden
auch Heilige verehrt aber eine Kirche ist immer noch ein Gotteshaus und somit
steht dieser bzw. Jesu Christi im Mittelpunkt. In Tempeln hier in China dagegen
werden konkrete Personen verehrt. Sie werden mit gewissen Qualitäten assoziiert
und betet zu ihnen um Beistand zu erbitten. Dabei wird die Person aber
gleichzeitig auf diese Qualität minimiert und nicht als historische Persönlichkeit
wahrgenommen. Das führt mich direkt zu meinem zweiten Punkt. In China gibt es
immer „das beste Restaurant“, „die beste Uni“, „den besten Professor“ und so
weiter. Häufig werde ich gefragt welches die beste Uni in Deutschland sei und
wenn ich antworte, dass das wenn dann vom Fach abhängt und da dann auch wieder
davon auf was man Wert legt, gibt es im Allgemeinen eher Unverständnis und
etwas verwunderte Blicke. In China sind die beiden Unis in Peking die besten
Punkt. Ich tue mir mit so etwas unendlich schwer. Sicherlich genießt die LMU in
München einen sehr guten internationalen Ruf aber das liegt daran, dass sie
viel Forschung betreibt, was bedeutet, dass das ihr Schwerpunkt ist und
dementsprechend weniger viel Wert auf die Qualität der Lehre gelegt wird.
Natürlich sind die Uni Freiburg und Tübingen sehr alte Unis und dementsprechend
renommiert aber ob ihre Ausbildung deswegen besser ist als in anderen
Standorten ist fraglich. Auch wenn man die Forschung betrachtet ist es sehr
schwierig die beste Uni zu finden, weil verschiedene Standorte verschieden
Schwerpunkte haben. In China dagegen reicht e wenn man eine große Gruppe von Menschen
von sich überzeugt und schon gilt man als de Beste oder der Beste und kann sich
vor Andrang kaum retten. Ab diesem Zeitpunkt wird auch nicht mehr hinterfragt
woher denn dieser Ruf kommt. Ich hab vor einiger Zeit mal einen Artikel gelesen
über einen Mann der sich in der Provinz in China für einen ranghohen Politiker
ausgegeben hat und so überzeugend war, dass er monatelang politische Ämter
übernommen hat ohne überhaupt in der Partei zu sein und auch noch unter
falschen Namen.
Das ist ein kultureller Unterschied der mir in letzter Zeit sehr
auffällt aber auch abgesehen davon ist China intensiv. Das Land entwickelt sich
mit rasantem Tempo. Überall sind Baustellen (häufig für Apartments die man gar
nicht braucht), es ist viel lauter, dreckiger und voller als Deutschland und
wie ich schon vorher erwähnt habe ist die Gesellschaft extrem homogen. Das
alles führte dazu, dass ich mich die letzten Tage wie zerlegt gefühlt habe. Der
Lärm, die Menschen und auch der Dreck lasen einen nicht so recht entspannen,
ich war müde und ohne Bratsche und beraubt von der Möglichkeit mir zumindest
mal etwas zu Essen zu kochen auch ohne Möglichkeit mich abzulenken. Ich habe
mich gefühlt als sei mein ganzes Inneres nach außen gekehrt. Die ganze
Verunsicherung über mich, mein Studium und meinen weiteren Weg, der Frust über
mein beeinträchtigtes Privatleben und die Opfer die ich für mein Studium
bringen muss und vor allem auch ein tiefes Gefühl von allein sein und gewisser
Weise auch Einsamkeit. Zwischen mir und den Chinesen liegt ein viel weiterer
Abgrund als zwischen mir und den Amerikanern und eine emotionale Bindung
aufzubauen empfinde ich als bedeutend schwieriger. Natürlich habe ich viele
Freunde in Deutschland und einsam bin ich sicher nicht aber in China fühle ich
mich jedes Mal etwas verloren.
Das mag jetzt alles sehr traurig klingen aber im Endeffekt
ist es das nicht. Dadurch dass das alles in mir hochkommt werde ich nochmals
gezwungen mir Gedanken darüber zu machen. Mir wird klar, dass ich zwar Opfer
für mein Studium (und hoffentlich auch meine Karriere) bringen muss aber dass
das okay ist, weil es das ist was ich will und was mich glücklich macht. Ich bin
ein Arbeitstier und lieber habe ich das Gefühl ein tolles Event verpasst zu
haben als eine Gelegenheit zu verpassen mich weiter zu entwickeln und mein
Studium voran zu bringen. Das Gefühl von allein sein und Einsamkeit ist etwas
schwieriger. Einsamkeit hat seit Lothars Tod eine andere Dimension für mich
angenommen und bedeutet häufig, dass ich emotional an einem Punkt bin an dem noch
nicht viele in meinem Alter sind. Gleichzeitig hat sich durch Lothars Tod aber
auch meine Verbindung zu Freunden und vor allem zu meiner Familie verändert,
beziehungsweise gestärkt. Ich weiß, dass ich ein Netzwerk aus Menschen habe
denen ich am Herzen liege und die mich auffangen können. Ich weiß, dass eine Nachricht
vom anderen Ende der Welt mich sehr berühren kann und dass sowohl Raum als auch
Zeit keine Einschränkungen sind.
Dieses Bewusstsein kommt mir nur wenn ich gefordert werde
und ich an einem Ort bin der mich herausfordert und für mich ist China dieser
Ort. Die letzten beiden Tage haben mich wieder einmal bestärkt meinen Weg zu
gehen und das am Ende alles immer gut sein wird.
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