Dienstag, 22. September 2015

Deconstructed



Die letzten beiden Tage waren eigentlich recht ereignislos. Ich habe im Labor unser Graphen mit ionischer Flüssigkeit versetzt und ansonsten nicht viel gemacht. Aber eben in dieser Ruhe lag der Knackpunkt. Ich habe mal ein Interview mit einem Architekten gesehen, der in Peking ein sehr beeindruckendes Gebäude entworfen und gebaut hat. Dieser meinte, dass er als er das erste Mal durch China gereist sei regelrecht „Deconstructed“ wurde. Dieses Gefühl habe ich auch jedes Mal wenn ich in China bin.

China ist ein sehr intensives Land. Es fängt bei der Geschichte und Kultur an. Sowohl das kaiserliche China als auch das kommunistische sind Welten von dem entfernt was wir im Westen erlebt haben. Beides führt dazu, dass die Mentalität der Chinesen grundverschieden ist von der unseren. In China gibt es einen viel stärkeren Personenkult und Status hat einen viel höheren Stellenwert. Zwei Beispiele möchte ich anführen. Das erste wären die Tempel zu ehren von Personen aus dem antiken Kaiserreich. Auch in Europa gibt es Kirchen die Heiligen gewidmet sind und gerade im Katholizismus werden auch Heilige verehrt aber eine Kirche ist immer noch ein Gotteshaus und somit steht dieser bzw. Jesu Christi im Mittelpunkt. In Tempeln hier in China dagegen werden konkrete Personen verehrt. Sie werden mit gewissen Qualitäten assoziiert und betet zu ihnen um Beistand zu erbitten. Dabei wird die Person aber gleichzeitig auf diese Qualität minimiert und nicht als historische Persönlichkeit wahrgenommen. Das führt mich direkt zu meinem zweiten Punkt. In China gibt es immer „das beste Restaurant“, „die beste Uni“, „den besten Professor“ und so weiter. Häufig werde ich gefragt welches die beste Uni in Deutschland sei und wenn ich antworte, dass das wenn dann vom Fach abhängt und da dann auch wieder davon auf was man Wert legt, gibt es im Allgemeinen eher Unverständnis und etwas verwunderte Blicke. In China sind die beiden Unis in Peking die besten Punkt. Ich tue mir mit so etwas unendlich schwer. Sicherlich genießt die LMU in München einen sehr guten internationalen Ruf aber das liegt daran, dass sie viel Forschung betreibt, was bedeutet, dass das ihr Schwerpunkt ist und dementsprechend weniger viel Wert auf die Qualität der Lehre gelegt wird. Natürlich sind die Uni Freiburg und Tübingen sehr alte Unis und dementsprechend renommiert aber ob ihre Ausbildung deswegen besser ist als in anderen Standorten ist fraglich. Auch wenn man die Forschung betrachtet ist es sehr schwierig die beste Uni zu finden, weil verschiedene Standorte verschieden Schwerpunkte haben. In China dagegen reicht e wenn man eine große Gruppe von Menschen von sich überzeugt und schon gilt man als de Beste oder der Beste und kann sich vor Andrang kaum retten. Ab diesem Zeitpunkt wird auch nicht mehr hinterfragt woher denn dieser Ruf kommt. Ich hab vor einiger Zeit mal einen Artikel gelesen über einen Mann der sich in der Provinz in China für einen ranghohen Politiker ausgegeben hat und so überzeugend war, dass er monatelang politische Ämter übernommen hat ohne überhaupt in der Partei zu sein und auch noch unter falschen Namen.

Das ist ein kultureller Unterschied der mir in letzter Zeit sehr auffällt aber auch abgesehen davon ist China intensiv. Das Land entwickelt sich mit rasantem Tempo. Überall sind Baustellen (häufig für Apartments die man gar nicht braucht), es ist viel lauter, dreckiger und voller als Deutschland und wie ich schon vorher erwähnt habe ist die Gesellschaft extrem homogen. Das alles führte dazu, dass ich mich die letzten Tage wie zerlegt gefühlt habe. Der Lärm, die Menschen und auch der Dreck lasen einen nicht so recht entspannen, ich war müde und ohne Bratsche und beraubt von der Möglichkeit mir zumindest mal etwas zu Essen zu kochen auch ohne Möglichkeit mich abzulenken. Ich habe mich gefühlt als sei mein ganzes Inneres nach außen gekehrt. Die ganze Verunsicherung über mich, mein Studium und meinen weiteren Weg, der Frust über mein beeinträchtigtes Privatleben und die Opfer die ich für mein Studium bringen muss und vor allem auch ein tiefes Gefühl von allein sein und gewisser Weise auch Einsamkeit. Zwischen mir und den Chinesen liegt ein viel weiterer Abgrund als zwischen mir und den Amerikanern und eine emotionale Bindung aufzubauen empfinde ich als bedeutend schwieriger. Natürlich habe ich viele Freunde in Deutschland und einsam bin ich sicher nicht aber in China fühle ich mich jedes Mal etwas verloren.

Das mag jetzt alles sehr traurig klingen aber im Endeffekt ist es das nicht. Dadurch dass das alles in mir hochkommt werde ich nochmals gezwungen mir Gedanken darüber zu machen. Mir wird klar, dass ich zwar Opfer für mein Studium (und hoffentlich auch meine Karriere) bringen muss aber dass das okay ist, weil es das ist was ich will und was mich glücklich macht. Ich bin ein Arbeitstier und lieber habe ich das Gefühl ein tolles Event verpasst zu haben als eine Gelegenheit zu verpassen mich weiter zu entwickeln und mein Studium voran zu bringen. Das Gefühl von allein sein und Einsamkeit ist etwas schwieriger. Einsamkeit hat seit Lothars Tod eine andere Dimension für mich angenommen und bedeutet häufig, dass ich emotional an einem Punkt bin an dem noch nicht viele in meinem Alter sind. Gleichzeitig hat sich durch Lothars Tod aber auch meine Verbindung zu Freunden und vor allem zu meiner Familie verändert, beziehungsweise gestärkt. Ich weiß, dass ich ein Netzwerk aus Menschen habe denen ich am Herzen liege und die mich auffangen können. Ich weiß, dass eine Nachricht vom anderen Ende der Welt mich sehr berühren kann und dass sowohl Raum als auch Zeit keine Einschränkungen sind.

Dieses Bewusstsein kommt mir nur wenn ich gefordert werde und ich an einem Ort bin der mich herausfordert und für mich ist China dieser Ort. Die letzten beiden Tage haben mich wieder einmal bestärkt meinen Weg zu gehen und das am Ende alles immer gut sein wird.

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