Die letzten Tage war ich nicht zu faul etwas zu schreiben
sondern in Xi‘an und da ich auf meinen Ausflug nur eine Tasche mitnehmen wollte
habe ich den Laptop zu Hause gelassen.
Am ersten Oktober wird in China die Gründung der
Volksrepublik gefeiert und weil es in der Geschichte der Chinesen natürlich
kein glorreicheres Ereignis gibt haben alle Chinesen einfach mal eine Woche
frei vom ersten bis zum siebten (naja alle außer denen die ein Restaurant haben
oder Taxi fahren und alle Läden haben auch auf und generell ist eigentlich kein
Unterschied zwischen einem Feiertag und einem normalen Arbeitstag zu merken aber
irgendwer wird schon frei haben). Zeno hatte den genialen Einfall sich in
dieser Woche Xi’an anzusehen. Xi’an ist eine der ältesten Städte Chinas und war
schon Hauptstadt da gab es Peking noch gar nicht. Die Stadt liegt sehr zentral
und relativ nahe zur Wüste und ist zu ihrem Status eigentlich durch den ersten
richtigen Kaiser von China gekommen, Qin Shihuangdi. Diese sehr kontroverse
Figur hat vor über zweitausend Jahren große Teile Nordchinas erobert geeinigt,
die chinesische Schrift vereinheitlicht, Straßen und generell Infrastruktur
gebaut und eine organisatorische Basis gebildet die viele Dynastien durch
gehalten hat. Gleichzeitig hat er einen persönlichen Groll gegen den
Konfuzianismus gehegt und einfach mal über 600 Gelehrte lebendig begraben
lassen. Noch heute gibt es einige Legenden über ihn von denen einige auch
verfilmt wurden (ich kann ja den Film Hero sehr empfehlen). Heute dürfte er
wohl am bekanntesten für sein Grab sein, in welches er ich eine Armee aus
Terrakotta Soldaten hat stellen lassen. Diese Armee war auch der Grund warum
ich nach Xi’an gefahren bin.
Am ersten Oktober bin ich also munter zum Bahnhof und
habe mich von dort aus auf die
achtzehnstündige Fahrt begeben. Der Zug war erstaunlich leer (bzw. nicht
überfüllt) und ich habe den Großteil der Zeit auf meinem Sitz rumgerutscht und
versucht eine Position zu finden in der ich schlafen kann (ohne Erfolg). In Xi’an
angekommen habe ich mich dann auf den Weg gemacht mein Hostel zu suchen.
Chinesische Hostels sind im allgemeinen sehr zu empfehlen vor allem dieses. Es
war bildhübsch eingerichtet, das Personal spricht sehr gut Englisch, die Zimmer
sind sehr sauber, es gibt westliche Bäder und verhältnismäßig günstiges Essen.
In diesem Hostel gab es sogar einen Billardtisch zur freien Verfügung und das
alles im Zentrum von Xi’an und für 4€ die Nacht. Das einzige worin chinesische
Hostels phänomenal schlecht sind, ist die Wegbeschreibung. Da war dieses keine
Ausnahme. Ich bin bis zu Bushaltestelle gelaufen und dann hieß es wörtlich „500m
zu Fuß von der Bushaltestelle befindet sich das Hostel“. Nun ja mit 500m ist
ein großes Areal abgedeckt und ich habe ein Stunde gesucht. Irgendwann war ich
sehr entnervt und bin in diverse Hotels rein und habe gefragt ob mir jemand
helfen kann. Leider sprach von den Angestellten in diesen Hotels niemand
englisch. Irgendwann aber habe ich ein junges Mädchen getroffen namens Mathilda
die auch aus Chengdu kam und gerade Xi’an besuchte und mir geholfen hat mein Hostel
zu finden. Als ich dann meine Sachen ausgepackt hatte und mich gerade auf den
Weg in die Stadt machen wollte da stand Mathilda in der Lobby vom Hostel und
meinte, dass ihre Freundinnen erst morgen kommen und sie schauen wollte ob
alles okay sei. Kurzerhand haben wir dann gemeinsam Xi’an erkundet.
Am ersten Tag waren wir im muslimischen Viertel. Xi’an ist
recht weit westlich in China (bzw. ziemlich zentral) und es gibt schon eine
recht große muslimische Bevölkerung. Diese hat sich rund umd ei Moschee angesiedelt
und über die Jahre ist aus dem kleinem Viertel eine große Touristenattraktion
mit Lammkebab, gefüllten Fladenbroten, Sesamsüßigkeiten, Granatapfelsaft und
viel Souvenirquatsch geworden. In diesem Viertel habe ich das erste Mal ein
Gefühl dafür bekommen, was es heißt, wenn die Chinesen von vielen Menschen
reden. Es war so gestopft voll, dass man nur im Pulk laufen konnte. Tausende
von schwatzenden, essenden, fotografierenden Chinesen quetschen sich durch eine
Gasse. Überall waren die Kebabstände die über glühender Holzkohle ihre Spieße
grillten und so die ganze Gasse in einen dicken grauen Raus hüllten. Irgendwann
haben wir uns ein kleinen Lammrestaurant rausgesucht und dort einige der Spezialitäten
von Xi’an probiert. Eine Lammsuppe mit Brotstücken drin und dazu eingelegter,
süßer Knoblauch und süße Chilisauce und mit Lamm gefüllte Fladenbrote. Das
Personal war ausnehmend unfreundlich und genervt, was ich aber angesichts der
Menschenmassen gut verstehen konnte. Nach diesem Ausflug bin ich abends noch
durch Xi’an getingelt und habe Fotos gemacht.
Am nächsten Tag sind Mathilda und ich dann zu erst zu einem
Museum über die Geschichte Xi’ans gegangen, da man aber knappe 4h hätte
anstehen müssen (die Leute müssen schon um fünf dagewesen sein um sich für ein
Ticket anzustellen. FÜNF UHR MORGENS), haben wir dann kurzer Hand beschlossen
stattdessen in einen Tempel zu gehen in dem auch eine berühmte Pagode steht.
Diese war zwar auch überfüllt aber da der Tempel sehr groß war, hat sich das
alles wenigstens etwas verlaufen. Ich muss aber leider gestehen, dass alle Pagoden
für mich inzwischen gleich aussehen. Alle haben sie einen hübschen Tempel drum herum
und sind voller Touristen. Einige sind viereckig und einige sechseckig und alle
haben nur Schilder auf Chinesisch und niemand ist da der genug englisch spricht
um sie mir zu übersetzten. Trotzdem war es ganz nett. Nach einem kleinem Mittagessen
haben Mathilda und ich dann ihre beiden
Freundinnen getroffen. Eine von beiden Phoebe hat in Australien ihren
Highschoolabschluss gemacht und hat gerade ihren Bachelor in Psychologie in
Großbritannien abgeschlossen. Wir sind zu viert auf die Stadtmauer von Xi’an gegangen
und waren dort spazieren. Die Stadtmauer ist (zu Teilen) aus dem vierzehnten
Jahrhundert und es gibt Volunteers dort die einem auf Englisch ein bisschen was
über die Stadt und ihre Geschichte erzählen können. Es war richtig toll endlich
mal wieder mit jemanden richtig fließend englisch reden zu können und auch
tiefere Diskussionen zu führen ohne Sprachbarrieren zu haben und dazu kam die
tolle Aussicht von der Stadtmauer. Kurzum ein gelungener Abend.
Meinen letzten Tag habe ich dann damit verbracht sehr früh
aufzustehen um zur Terrakottaarmee zu fahren. Um sieben war ich an dem
Busbahnhof und habe mit leichtem entsetzten festgestellt, dass schon um diese
Uhrzeit hunderte von Chinesen für den Bus anstanden. Nach einer halben Stunde Anstehen
für den Bus und einer Stunde Fahrt war ich dann bei der Ausgrabungsstätte (noch
heute fast vierzig Jahre später werden Krieger ausgegraben, bei über 10.000
Figuren aber eigentlich kein Wunder). Es waren Milliarden an Menschen dort. Ich
habe noch nie so viele Menschen gesehen. Ein Meer aus schwarzhaarigen Köpfen
breitete sich vor mir aus, nur unterbrochen von gelegentlichen blonden Haaren
von Amerikanern und Deutschen (listigerweise die einzigen westlichen Touristen
die ich ausmachen konnte. Wieder musste ich eine halbe Stunde anstehen, wobei
es hier sehr wichtig war seinen Platz in der Reihe gegen drängelnde Chinesen zu
verteidigen, sprich Ellenbogen raus und durch. Sehr entnervt bin ich dann mit Ticket
zur nächsten Schlange für den Securitycheck gelaufen und habe dort wieder eine halbe
Stunde meinen Platz mit Händen und Füßen verteidigt. Als ich dann endlich auf dem
Gelände war, war ich schon eher gereizt und zu allem Überfluss ist mir dann
meine Kamera aus dem Schoß gepurzelt und verweigert seit dem den Dienst.
Die Terrakottaarmee ist sehr beeindruckend. Tausende und aber
Tausende Statuen stehen aufgereiht in Kampfposition da und sehen aus als würden
sie gleich losmarschieren um eine Stadt zu erobern. Jede Statue hat ein anderes
Gesicht, andere Kleidung und ist individuell mit sehr viel Liebe zum Detail
gestaltet und das bei über 10.000 Figuren, alle lebensgroß. Es gibt Offiziere,
Bogenschützen, Streitwägen, Fußsoldaten, Waffen aus Stahl (die schon vor 2000
Jahren verchromt wurden und heute noch aussehen wie neu, man muss anmerken,
dass die Technik des Verchromens im Westen erst in den 70ern wieder entdeckt
wurde!), Prunkwägen aus Bronze und Gold und alles steht in Reih und Glied. In
einigen der Hallen wird noch ausgegraben. In den Hallen war es so voll das es
unmöglich war einen Blick auf die Statuen zu werfen ohne jemanden weh zu tun.
Hier habe ich von meiner Größe profitiert. Ich habe gedrückt, gedrängelt und mir
mit meinen Ellenbogen Platz verschafft (ich hoffe bloß, dass ich niemanden
etwas gebrochen habe). Mein absolutes Highlight des Tages war eine Amerikanerin
die irgendwann die Fassung verloren hat und mit ihrem Selfiestick angefangen
hat blind in die Menge rein zu prügeln, was bei den Securitymenschen (die
angesichts der hohen Besucherzahl aus dem Militär stammte) nicht besonders gut
ankam und dieser sie dann auf chinesisch ziemlich zusammen gefaltet hat. Man musste
der Sprache nicht mächtig sein um zu verstehen, dass das was er da gesagt hat nicht vor Kindern
wiederholt werden sollte. Nach zwei Stunden Massentourismus, war ich nervlich
etwas am Ende und bin dann zurück nach Xi’an und habe dort erst mal ein Mittagsschläfchen
gehalten um dann danach nochmal die hinteren Gassen des muslimischen Viertels
zu erkunden (die sehr viel empfehlenswerter sind als die Hauptstraße, überall
kleine nette Läden, weniger Touristen und der angenehme Duft von Lammfleisch
und Sesam in der Luft).
Nach drei sehr ereignisreichen Tagen bin ich dann gestern
zum Zug und von Xi’an zurück nach Chengdu gepilgert. Jetzt habe ich noch vier
Tage und dann heißt es schon wieder zurück nach Freiburg. Wie die Zeit
verfliegt.
Ich gehe jetzt erst mal was essen und mir einen Tee holen. Bis
bald,
Zeno