Montag, 31. August 2015

Tag eins: Hotpot



Die Tage vor meiner Abreise waren etwas chaotisch. Ich hab en doch eher sehr anstrengendes Semester gehabt mit viel Praktikum an der Uni und viel Stress aber nebenbei mein Visum (wie üblich nach etwas Theater mit dem Konsulat) beantragt und bekommen, mich um die Versicherung und Kram gekümmert und ab und zu meinem zuständigem Professor geschrieben. Aber um ganz ehrlich zu sein abgesehen vom Visum hat sich der organisatorische Aufwand stark in Grenzen gehalten. Trotz allem kam ich nicht dazu meine letzten drei Posts über Guangzhou, Yangshou und Hangzhou zu schreiben. Das wird bei Gelegenheit nachgeholt. Heut aber erst mal den Bericht über meinen ersten Tag in Chengdu.

Um sechs Uhr morgens klingelt mein Wecker in Freiburg. Noch im Tiefschlaf packe ich meinen Koffer fertig, mache mir einen Kaffee und packe mein Vesper für die Fahrt ein. Auf der knapp vierstündigen Fahrt nach Frankfurt, schlafe ich meistens und in Frankfurt angekommen wird erstmal das Vesper gefuttert und dann eingecheckt. Ich fliege mit British Airlines, weil die Alternative über Quatar geflogen wäre und statt 550€ knappe 1000€ gekostet hätte. Eine langweilige Stunde später vertreibe ich mir meine Zeit in Heathrow und überlege, ob ich auch wirklich den Adapter eingepackt habe und kontrolliere in einem Anflug von Paranoia kontrolliere ich nochmal, ob ich nicht ausversehen ein 30 Tage Visum und kein 60 Tage Visum bekommen habe. Aber alles ist so wie es sein sollte, nur ich bin etwas übermüdet. Nach einer gefühlten Ewigkeit sitze ich dann in meinem Flieger nach Chengdu und kann mich eigentlich nicht beschweren. Bei meinem letzten Flug nach China bestand das Bordentertainment zu 90% aus chinesischen Filmen und chinesischen Popsternchen. Den Filmen konnte ich auf Grund eher mittelmäßiger Untertitel wenig abgewinnen und die Songs waren mir dann doch zu schnulzig. Bei diesem Flug war das Gegenteil der Fall. Lauter britische Filme im Programm und eine großartige Purcell CD die sofort auf meinen mentalen Einkaufszettel gesetzt wird.

Nach erfolgreicher Landung, Einreise und Geldumtausch empfangen mich zwei Doktoranden aus der Polymer Science Abteilung in der ich mitarbeiten werde. Ich werde zum Campus gefahren und mir wird beim einchecken in mein komplett überteuertes Wohnheim geholfen. Für den stattlichen Preis von fast 20 € die Nacht habe ich zwei Betten, einen kleinen Kühlschrank, ein Bad und ein Fernseher für mich allein und dazu gibt es morgens Frühstück. Wäre dieses Stipendium nicht, könnte ich mir das beim besten Willen nicht leisten. Nachdem ich ausgepackt und geduscht habe, holen mich zwei Doktoranden ab und zeigen mir den Campus, das Labor bzw. das Büro in dem ich arbeiten kann und helfen mir eine Simkarte für mein Handy zu besorgen.

Und wie es so ist, treffe ich beim Simkartenkauf einen jungen deutschen Austauschstudenten (natürlich Sinologe). Wir unterhalten uns ein bisschen während wir warten und ich erkläre ihm wie man den VPN zum laufen kriegt. Hier jetzt schonmal ein Lobgesang auf VPNs. Mein Handy funktioniert einwandfrei, weil ich Zugang zu Googleprodukten habe, meine Facebook und Youtubesucht kann befriedigt werden und dass ich das hier ins Netz schicken kann liegt auch nur an diesem kleinen unscheinbaren Program.

Mit Simkarte im Gepäck geht es dann etwas essen und zur Feier, dass ich da bin gibt es Hotpot. Im Prinzip ist das ein Fondue bloß in sehr scharf. In der Mitte steht eine Schüssel mit kochender Suppe die einen guten Zentimeter dick mit Chiliöl und Pfefferkörnern bedeckt ist und dann wird alles rein gekippt was man sich vorstellen kann. Vor allem aber Innereien von diversen Tieren. Normalerweise bin ich kein Fan von Magen, Darm und Co aber im Hotpot verfliegt der Eigengeschmack vor Würze und vor allem Schärfe der Brühe und das Fleisch wird wunderbar zart. Neben Innereien, wurden noch Gurken, Lotuswurzeln, Tofu, kleine Fleischbällchen, dünne Scheiben Lamm- und Rundfleisch und Pilze rein gegeben. Gestopft voll und mit einem angenehmen brennen in Mund, Speiseröhre und Magen, liege ich nun in meinem Bett und freue mich auf meinen ersten Tag als Praktikant.

Gute Nacht euch allen,

Zeno

Sonntag, 30. August 2015

Macau: Über das Leben mit oder ohne Geld



Es gibt in China neben Hong Kong noch einen Teil des Landes der sehr stark europäischen Einflüssen unterworfen ist. Macau. Diese kleine Halbinsel nur eine Stunde mit der Fähre von Hong Kong entfernt wurde den Portugiesen von den Chinesen geschenkt nachdem sie Piraten vertrieben hatten. Inzwischen haben die Portugiesen die Insel an China zurückgegeben mit der Bedingung, dass sie für die nächsten 50 Jahre eine Sonderverwaltungszone bleibt. Was sie zurück gelassen haben sind Straßennamen und Schilder auf Portugiesisch, viele portugiesische Gerichte und Gebäude und noch viele mehr Macanesen (Chinesen mit einem Portugiesischen Elternteil und zwei Pässen). Allgemein ist Macau sehr europäisch. Es gibt Ecken in denen fühlt man sich wie in Südeuropa mal von den chinesischen Schildern abgesehen. Was Macau neben seinem westlichen Touch noch ausmacht sind die Casinos. Es wird von meinem Reisführer als Vegas des Ostens beschrieben und das kommt auch ganz gut hin. In der Mitte der Insel steht ein riesiges Gebäude das aussieht wie eine Lotusblüte mit Stiel und nachts in allen nur erdenklichen Farben leuchtet und blinkt und innendrin sieht alles so aus wie in einem waschechten Las Vegas Casino (dieselben nervig klingelnden Automaten, dieselben Teppichböden, dieselben Gestalten die vor dem Automaten sitzen und eine Münze nach der anderen einwerfen und dieselben leeren Roulettetische). Es gibt eine Insel direkt vor Macau, Taipa. Und früher gab es noch eine zweite noch kleinere Insel dahinter die nur aus Fischerdörfern bestand. Jetzt ist der knapp Kilometer dazwischen auf geschüttet und darauf stehen zwei Casinos darunter das Venitian, welches das größte der Welt ist.

Mein Host In Macau war Kevin. Kevin ist in Australien aufgewachsen hat aber eine chinesische Mutter und spricht kantonesisch und Mandarin. Er arbeitet als Zirkusmanager. Jeder kennt wohl die großen Shows in Las Vegas, mit den Frauen und Männern die in schwindelerregenden Höhen in glitzernden und schillernden Kostümen, akrobatische Meisterleistungen verbringen. Damit diese Menschen nicht in einem kleinen Zeltchen vor 20 Leuten performen müssen gibt es Firmen die das ganze managen. Sprich sie kriegen die Anfragen von Casinos und beginnen mit Planung und Vorbereitung. Das klingt jetzt so normal aber für eine Show in Wohan wurde eine Art Swimmingpool gebaut der dreimal so groß ist wie die olympischen Becken mit bewegbaren Bühnen, sich öffnenden Decken und und und. Sprich ein enormer Aufwand sowohl organisatorisch als auch finanziell. Das heißt alle Beteiligten haben ein großes Interesse daran, dass die Show ausverkauft ist und auch stattfindet. Nun ersteres war bei der Show in Wuhan der Fall am zweiten drohte es aber zu scheitern. Es gab irgendwelche Probleme mit der Technik und die Sicherheit der Artisten konnte nicht zu 100% gewährleistet werden und weil es sowie so Spannungen zwischen Management und den Künstlern gab, sind die in den Streik getreten. Deswegen musste Kevin sehr spontan nach Wuhan und ich hatte nur zwei halbe Tage in Macau. Sehr schade aber vermutlich das Beste was meinem sowieso sehr strapazierten Budget passieren konnte. Denn Macau ist nicht billig.

Die Preise für Lebensmittel und für Essen auf der Straße sind ein bisschen geringer als in Europa aber alles andere ist teuer. Kevin ist genauso vernarrt in Essen wie ich und hat mir die besten Restaurants in Macau empfohlen. Die allermeisten waren leider in fünf Sterne Hotels und dementsprechend himmelweit über dem was ich für einmal Dim Sum ausgeben konnte. Neben dem Essen ist vor allem das Übernachten in Macau sehr teuer. Nachdem mir Kevin die Hiobs Botschaft überbracht hat habe ich nach Hostels in Macau gesucht. Nun die Stadt hat beschlossen, dass sie diese Form von Reisenden nicht mehr haben will und so den Hostels jeden Stein in den Weg gelegt der nur geht. Man muss sich mindestens eine Woche im Voraus anmelden mit Passnummer und man darf nicht mehr als drei Tage übernachten und das bei Preisen die man auch für ein Hostel in Chicago zahlen wird. Die Hotels (vor allem die mit angegliedertem Casino) haben solche Probleme natürlich nicht und sind verhältnismäßig billig (für mich aber immer noch viel zu teuer). Irgendwann ist mir gekommen, dass wen ich mir als Mittelsatndeuropäer das nicht leisten kann das für Mittelstandchinesen ja gerade zu unerschwinglich sein muss. Das war dann der Punkt an dem mir die Leute in Macau mehr aufgefallen sind. Es sind durch die Bank Chinesen in westlichen Designerklamotten mit fetter Kamera und noch fetteren Geldbörsen. Sie durchschwärmen die Straßen und überschwämmen die Geschäfte mit Geld.

Die Chinesen haben eine eigenartige Beziehung zu Geld. Reich zu sein ist eines der größten Anliegen der meisten Chinesen. In Europa und auch in den USA war es, zumindest in meinen Bekanntenkreisen, eher üblich nach einem erfüllten Leben zu suchen. Für die meisten gehörte dazu auch, ein solides Einkommen um nicht am Existenzminimum leben zu müssen aber es war nicht Ziel Nummer eins. In China ist das etwas anders. Das Verlangen nach Reichtum, Konsum und Luxus ist enorm. Glücksbinger die zu Geld verhelfen sollen gibt es an jeder Straßenecke und wer größere Geldsummen besitzt legt auch viel Wert daran das auch deutlich zu machen. Meine Vermutung ist, dass das an der langen Durststrecke des chinesischen Volkes liegt. Das meinte auch meine Host in Guangzhou. Die Chinesen haben über einen sehr langen Zeitraum unter sehr großen Entbehrungen leben müssen und jetzt den Zugang zu den Konsumgütern und dem Luxus zu haben, den wir in Europa schon seit über 50 Jahren genießen ist für viele Chinesen ein wahrgewordener Traum. Mich hat das muss ich aber sagen doch eher befremdet. Natürlich kann ich mir schöneres vorstellen als am Hungertuch zu nagen aber Reichtum hat für mich nichts Erstrebenswertes.

Naja so sind halt dieses Europäer auf Selbstverwirklichungstrips. Nach dieser kurzen aber intensiven Zeit in Macau bin ich wieder gen Festland  gereist. Konkreter nach Guangzhou. Wunderbares Kanoton!

Freitag, 21. August 2015

Hong Kong: Not everyone who wanders is lost



In meinem letzten Post über Shanghai habe ich über den Pace (was sich in etwa mit Zeitgefühl übersetzten lässt) gesprochen. Nachdem ich gute 20h in einer kleinen Schafkabine in einem Zug verbracht habe ist der Pace nochmals ordentlich gestiegen. Ich war in Hong Kong angekommen. In den ersten zwei Wochen ist alles im kondensiert worden. In Peking hatte man viel Platz, die Stadt hatte zwar 12 Millionen Einwohner aber die verteilen sich auf eine riesige Fläche, weshalb man nie den Eindruck von Enge bekommt. Eher im Gegenteil in Peking ist alles groß. Shanghai ist da eher wie eine europäische Großstadt. Die Stadt ist zwar verhältnismäßig groß aber trotz allem relativ dicht besiedelt, in etwa so wie Berlin. In Hong Kong ist Platz rar bzw. teuer. Die Stadt liegt im Prinzip mitten in den Bergen. Es gibt wenig ebene Baufläche, bzw. im Stadtkern überhaupt sehr wenig Platz. Das führt in Kombination mit 7,1 Millionen Einwohnern dazu, dass alles sehr kondensiert ist. So hat meine Host zum Beispiel ein 15 m² Apartment in dem sie (für Hong Kong sehr luxuriös) alleine lebt, bzw. während ich da bin mit mir und noch einem netten Doktorand aus Lissabon. Tatsächlich habe ich Geschichten von 6 köpfigen Familien gehört die in 20m² Apartments leben, ganz einfach weil die Mieten in Hong Kong wirklich teuer sind (von dem was ich gesehen habe vergleichbar mit München). Nicht nur Mieten sind in Hong Kong teurer als in China allgemein sind die Lebenshaltungskosten höher. In keiner anderen Stadt habe ich so viel Geld für Essen ausgegeben wie in Hong Kong (etwas 60€ für 6 Tage und ich habe nicht gespart).

Das liegt wie vieles in Hong Kong an dem starken britischen Einfluss. Tatsächlich ist der mit dafür verantwortlich, dass ich die Stadt zu meiner chinesischen Lieblingsstadt erklärt habe. Durch die Briten sprechen die meisten Hong Konger zumindest rudimentäres englisch und praktisch alle Restaurants haben englische Menüs oder jemand der englisch spricht. Aber das vermutlich beste was die Briten hinterlassen haben ist die Sonderverwaltungszone. 

An dieser Stelle möchte ich einmal sagen, dass die Zensur in China einfach nur zum kotzen ist! Alle Google Produkte funktionieren nicht. Ich kann mich zwar ohne Google Maps zurecht finden aber ich kann nicht für einen Monat keine Emails empfangen. Zum Glück konnte ich über Outlook bzw. meine Handy Email Programm meine Mails abrufen ansonsten hätte ich dieses Praktikum gar nicht bekommen oder hätte kein Bahnticket nach Freiburg buchen können. Wenn es aber nur Google wäre. Kein Facebook zu haben ist nicht so schlimm aber kein Youtube ist für mich doch etwas herb und was einfach nur ätzend ist, ist dass alle westlichen Seiten verlangsamt sind. So hat die Couch Surfing Webseite mindestens 5min gebraucht um zu laden während alle chinesischen Webseiten in Sekunden da waren. Und all diese Probleme waren einfach weg als ich in Hong Kong war. Es war so angenehm. Ich konnte kurz nachschauen wo ich bin auf Google Maps. Habe kurz ein paar Fotos auf Facebook gepostet und konnte meiner Host Videos von Hilary Hahn auf Youtube zeigen. In Hong Kong fühlt man sich fast wie in einer Demokratie.

Zu den Vorzügen einer freien Presse kamen die vielen Ausländer. Vor allem auf Hong Kong Island gibt es eine Gegend die nur aus Bars besteht und die sind nachts von Menschen aus allen Teilen der Welt bevölkert. Ich konnte mir dort nichts leisten aber ich habe einen Abend nur damit zugebracht dort auf und ab zu laufen, weil es so wunderbar war nicht mehr aufzufallen und Englisch zu hören.

Ein weiterer Punkt auf dieser Lobliste über Hong Kong ist die Lage. Die Stadt ist auf engsten Raum komprimiert. Sie besteht praktisch nur aus Gebäuden die mehr als 20 Stockwerke hoch sind (was Nachts den Eindruck eines urbanen Urwalds erweckt) aber man kann sein wo man will man wird immer den Urwald oder das Meer sehen. Man muss nur 30 min laufen und man wird entweder in einem Wald stehen oder in einem Park. Die Stadt ist grün. Einen Tag habe ich damit zugebracht zu wandern. Ich habe einen Bus genommen und nach eine 45min Fahrt war ich auf einem kleinen Wanderpfad über eine Hügelkette. Es war atemberaubend schön. Man hat andauernd auf das Meer geblickt und wenn man um die Eck bog stand dort mitten im Wald oder am Strand ein Apartmentgebäude. Man hat in Hong Kong zwar extrem viele Menschen auf wenig Platz gequetscht aber man hat immer die Möglichkeit dem Ganzen zu entkommen in dem man einfach in die Natur fährt.

Als letzten Punkt über die Stadt will ich über das Leben in Hong Kong schreiben. Es ist anstrengend aber aufregend. Ich habe mich mit vielen Leuten darüber unterhalten und die meisten sagen, dass Hong Kong toll ist wenn man jung ist. Die Stadt ändert sich rasant, sie ist extrem vielseitig und für eine „chinesische“ Stadt und sie hat sich viel Authentizität bewahrt. Man sieht in Hong Kong immer wieder kleine buddhistische Schreine am Straßenrand und in jedem Stadtteil gibt es einen Tempel in dem man auch immer Leute beten sehen wird. Um die Ecke von meiner Host gab es einen Laden der hat so ziemlich alles aus Papier verkauft. Es gab Hemden aus Papier, Schuhe, Ventilatoren, kleine Abbildungen von Luxusvillen, Tabletts mit Essen, sogar Sexspielzeug aus Papier. Die Leute kaufen das und verbrennen es im Tempel. Sie glauben, dass es durch das Verbrennen zu den Verstorbenen gelangt. So zu sagen eine Art nachträgliche Grabbeigabe um den Ahnen im Jenseits die Dinge zu geben die sie im Diesseits genossen haben. Direkt neben diesem Papiershop gab es einen Nudelladen in dem ich die leckerste Nudelsuppe meines Lebens gegessen habe. Wenn man dann 10min läuft ist man in einer Markthalle angefüllt mit laut schreienden Chinesen, die wahlweiße den Verkäufer beschimpfen oder sich quer durch die Halle unterhalten. Dazwischen so ziemlich alles was man kochen kann. Fische und Meeresfrüchte, Fleisch, das aus Holztheken mit gigantischen Hackebeilen zerteilt wird, Gemüse so frisch und duftend, dass ich nie wieder nach Deutschland zurück will und natürlich Snackbuden mit kleinen Fischbällchen, Eierwaffeln und sehr zu empfehlenden gedämpften Teigtaschen. Weiter 10min weiter mit der U-Bahn ist man am Hafen. Abends kann man hier spazieren und die nicht endende Skyline Hong Kongs bewundern und landet dann per Zufall auf der „Avenue of the Stars“ auf der lauter Schauspieler sich verewigt haben von denen ich noch nie etwas gehört habe. Abends kommen hier Straßenmusiker hin und man kann in der angenehm warmen Nachtluft mit dem Duft von Meer in der Nase da sitzen und einfach nur Hong Kong genießen.

Oh und als kleiner Tipp für alle die nach Hong Kong gehen. Der Temple Street Nightmarket ist tatsächlich so toll wie im Reisführer steht. Es ist eine Straße die abends zu einem Basar für alles was man braucht und nicht braucht wird. Man kann sich externe Batterien für das Smartphone kaufen (sehr angesagt in China), Postkarten, kleine Glücksbringer, Schuhe, traditionell chinesische Kleidung, gut und schlecht gefälschte Markenkleidung, Schmuck, echte und falsche Seide und Jade. Es gibt eine Ecke mit Wahrsagern und alten Damen die einem die Karten legen oder aus der Hand lesen. Zwischendrin haben die Restaurants in der Straße einfach Tische auf den Weg gestellt und man kann lecker essen und mitten drin ist ein Park in dem man sich einfach ausruhen kann und den Touristen beim Feilschen zu sehen kann.

So jetzt aber genug über Hong Kong. In Hong Kong habe ich mich sehr viel mit meiner Host unterhalten. Angela hieß sie. Mitte 20, arbeitet am Flughafen im Customers Service und wohnt in einem Apartment ihrer Mutter. Gebürtige Hong Kongerin und obwohl sie erst im November mit Couch Surfing angefangen hat, hat sie schon über 20 Leute gehostet (was nicht schwer ist in Hong Kong wo man zwischen 10 und 20 Anfragen pro Tag bekommt). Sie ist sehr locker drauf und man kann sich ganz wunderbar mit ihr unterhalten. Ein Thema über das ich mit ihr gesprochen habe und das ich hier aufgreifen möchte ist das Reisen.
Angela hat gesagt, dass sie in der kurzen Zeit in der sie nun bei Couch Surfing ist zu dem Schluss gekommen ist, dass viele Couch Surfer „Lost Souls“ sind. Viele sind Anfang oder Mitte 20 und haben einfach keine Ahnung was sie tun sollen und was gibt es besseres um seinen Horizont zu erweitern und vielleicht endlich etwas zu finden was man in Zukunft machen möchte als Reisen. Jetzt ist es aber so, dass ich nicht verloren bin. Nicht mehr. Ich weiß inzwischen ziemlich genau was und wohin ich will und nach und nach komme ich mir selber auch näher, finde mich selbst und auch wenn ich mich gerne beklage, mein Leben ist schön. Weshalb reise ich also?

Das war eine Frage die mich doch einige Zeit beschäftigt hat. Wenn ich schon weiß wie es weiter gehen soll warum wandere ich dann durch die Weltgeschichte und gebe mein wertvoll erarbeitetes Geld fürs Reisen aus. Ich kann jetzt platt sagen, um meinen Horizont zu erweitern aber es stimmt. Viele sagen, dass Reisen bildet, dem kann ich nur bedingt zu stimmen. Ich könnte in Hong Kong oder Shanghai (wenn ich genug Geld hätte) genau so leben wie in Deutschland und in keinerlei Kontakt mit der chinesischen Kultur treten. Durch Couch Surfing ist dem schon mal etwas vorgebeugt aber um ganz ehrlich zu sein, mit den Couch Surfern erlebt man auch nicht unbedingt das Land bzw. die Mentalität der Einheimischen. Couch Surfer sind allesamt lockere, offene, freundliche Leute, die schon relativ viel durch die Welt getingelt sind, meist schon längere Zeit im Ausland waren. Die Meisten haben eine gute Ausbildung und sind eher alternativ orientiert. Ich liebe es mit ihnen unterwegs zu sein aber wenn ich meine Hosts in China mit den „normalen“ Chinesen die ich kennen gelernt habe vergleiche ist das ein Unterschied wie Tag und Nacht. Also lerne ich auch nicht unbedingt die traditionelle Kultur vor Ort kennen. Was ist also der Sinn hinter dem Reisen?

Der Sinn für mich liegt in mehreren Punkten. Einer davon ist mir ein eigenes Bild unserer Welt zu verschaffen. Ich lese über die große Mauer, schaue Dokumentationen über ihren Bau aber wenn ich auf ihr stehe realisiere ich auf einmal, dass ich auf einem Stück Menschheitsgeschichte stehe. Ich sehe wie sich auf den Bergrücken entlang schlängelt und fühle mich ganz klein und unbedeutend. Ich esse Entenfüße in Shanghai und beschließe, dass es tatsächlich Dinge in der chinesischen Küche gibt die mir wirklich nicht schmecken. Ich esse zum ersten Mal echte Sichuan Küche und entdecke wie wunderbar Frosch schmeckt, wenn man ihn in Chili-Öl badet und mit viel Pfeffer serviert. Ich stehe in Peking vor dem Hauptbahnhof, vor mir mindestens 2000 Menschen, die an 50 offenen Schaltern Fahrtkarten kaufen wollen, das ganze wird von Polizisten mit umgeschnallten Gewehren überwacht. Durch das reisen entwickle ich langsam ein Gefühl dafür wie groß die Welt gibt und dass ich machen kann was ich will ich werde niemals alles sehen und das ist auch nicht schlimm, denn es kann sein, dass ich mich ganz furchtbar in Peking verlaufe und dann gehe ich um die Ecke und auf einmal ist da diese unbeschreiblich beeindruckende Gebäude eines deutschen Architekten über das ich gelesen habe und ich komme gar nicht mehr hinterher mit Fotos machen.

Durch mein vieles Rumgereise, nicht nur in China sondern auch in den USA habe ich gelernt, dass jeder Moment, jedes Erlebnis kostbar ist. Auch wenn ich eine Stunde in der Schlange für die Verbotene Stadt warte und die dann zu ist, ist das eine kostbare Erfahrung. Ich habe zum ersten Mal erlebt wie viele Chinesen es gibt und was es bedeutet einer unter tausenden zu sein. Man kann alles dazu benutzen sich zu bereichern, eine bessere Person zu werden oder zumindest aus seinen Fehlern zu lernen (ich sage nur Teehaus). Wichtig dafür ist vor allem einfach offen zu sein und optimistisch. In dem einem Monat in China ist auch einiges schief gelaufen aber am Ende war immer alles gut und ich war dort wo ich hin wollte oder zumindest in der Nähe. Dieser tiefe Glauben daran, dass dich alles fügen wird und auch ätzende Erfahrungen einen Wert haben, haben mich in den vergangenem Jahr durch viel Unikram und viel persönlichen Stress getragen.
Zu guter Letzt gibt mir das Reisen etwas was ich in Deutschland in dem Maß nie habe. Zeit für mich selber. Es gibt mir Zeit über mich und mein Leben nachzudenken, es gibt mir die Möglichkeit mich einfach mal treiben zu lassen und auch Abstand zu allem was so vor sich geht zu gewinnen. In der Uni stehe ich konstant unter Leistungsdruck (der auch zu gewissem Teil von mir stammt) und ich habe permanent zehntausend Dinge die ganz dringend sind. Wenn ich reise kann ich die Welt einfach mal Welt sein lassen und einfach nach Yangshou fahren und dort ein bisschen wandern. Ich kann mich in Hangzhou mit meinen Teigtaschen in den Park setzten und einfach mal eine Stunde den Chinesen beim Tai Chi, tanzen oder Fußball spielen zu sehen. Während all dieser Freizeit kann ich dann darüber nachdenken ob den Fokus den ich in der Chemie wählen möchte der richtige für mich ist oder ob ich noch warten soll, ob ich wirklich nochmal für ein Jahr in die USA will oder vielleicht doch lieber Hong Kong oder Seoul oder einfach nur darüber wie man wohl die Soße für den frittierten Tofu macht. (Noch ein Vorzug des Reisens, man lernt neue Gerichte kennen wie zum Beispiel diesen köstlichen Salat aus Erdnüssen, Karotten und Sellerie).

Zusammenfassend könnte ich sagen: Reisen gibt mir die Möglichkeit zur Selbstreflektion, stärkt mein Grundvertrauen in die Welt und gibt mir einen Sinn für die Größe und Vielschichtigkeit des Planeten der uns umgibt. Ich reise nicht um mich selbst zu finden sondern ich reise um nicht den Blick für das Wesentliche zu verlieren (und um zu essen).

Mit diesem neuen Bewusstsein fürs Reisen habe ich nach fünf schönen Tagen in Hong Kong eine ultramoderne Fähre in das Las Vegas des Ostens genommen. Macau.

Shanghai: Von den Chinesen



Mein toller „Lonely Planet“ Reisführer schreibt: „Wenn Beijing Chinas Vergangenheit ist so ist Shanghai Chinas Zukunft“. Den Eindruck habe ich auch gemacht. Von Peking aus habe ich den Hochgeschwindigkeitszug nach Shanghai genommen. Vier Stunden (anstatt soliden 18) sitze ich in einem dem ICE sehr ähnlichen Zug, der mit 300 km/h durch die Landschaft brettert. In Shanghai habe ich mich mit Liwen’s Familie (Liwen ist eine Freundin von mir aus Shanghai, bei deren Familie ich wohnen durfte und deren Cousine Jessica mir Shanghai gezeigt hat) verabredet. Ich stehe am Ausgang aber da ist niemand. Ich warte. Eine Stunde, ich denke vllt. Stecken sie im Stau. Nochmal eine halbe Stunde später laufe ich etwas durch den Bahnhof. Es stellt sich heraus der Bahnhof hat 50 Gleise und ist monströs mit angegliederten Flughafen und was weiß ich nicht allem. Irgendwann gehe ich in ein Restaurant und schnorre dort Internet und erhalte die panischen und vermutlich etwas verärgerten Nachrichten von Liwen. Nochmal eine Stunde später schließlich habe ich Liwen’s Familie gefunden.
Allesamt sehr hungrig gehen wir dann in ein Hotpot Restaurant. Ein Hotpot ist sowas wie ein Fondue bloß mit mehr Auswahl an Sachen zum reinwerfen und dass auf der Brühe eine Schicht aus Chiliöl schwimmt. Reingeschmissen wird so ziemlich alles. Innereien, Rinderfleisch, Schweinefleisch, Pilze, Spinat, Salat, Tofu, Reiskuchen, Stückchen von Maiskolben, Fisch und alles schmeckt feurig scharf und super lecker. Irgendwann bin ich gestopft voll und Liwen’s Familie ist ganz schockiert, dass ich schon voll bin. Sie meinen alle ich esse so wenig. Sie essen und unterhalten sich alle weiter, während ich in müder Glückseligkeit in der Ecke sitze und dem Ganzen einfach nur zuschauen.
Wir schon im Titel angekündigt will ich ein bisschen was über die Chinesen bzw. wie sie auf mich gewirkt haben schreiben. Ich hatte das unglaubliche Glück in Shanghai in das Leben einer chinesischen Familie einzutauchen, wenn auch nur für eine kurze Weile. Liwen’s Eltern sind unglaublich nette Menschen, die mir jeden Morgen ein super leckeres Frühstück gezaubert haben und mir auf jede erdenkliche Weise geholfen haben und ihre Cousine hat mich zusammen mit ihrem Mann durch Shanghai kutschiert, dabei ein kleines Vermögen für mich ausgegeben und mir die Schokoladenseiten der Stadt gezeigt (dazu später mehr). Aber trotz allem hatte ich einen kleinen Kulturschock und zum allerersten Mal in meinem Leben habe ich so etwas wie Heimweh bzw. wünsche mir mit jemand anderem zu verreisen.
Das lag an mehreren Dingen. Zuerst ist da die Sprachbarriere. Die ist gewaltig. In Frankreich oder Schweden kann ich die Schilder und Verpackungen lesen, ich verstehe vereinzelt Worte oder grob den Inhalt eines Satzes. In China nicht! Chinesische Schriftzeichen sehen für mich alle gleich aus. Wenn es keine englische Übersetzung gibt kann ich mit einem Schild nichts anfangen. Verpackungen in Supermärkten sind für mich einfach nichtssagend, sprich ich habe keine Ahnung was drin ist ohne die Packung aufzureißen und selbst dann manchmal nicht. Wenn ein Restaurant kein Menü auf Englisch hat oder Bilder vom Essen ist bestellen unglaublich umständlich und besteht daraus, dass ich auf die Teller von Gästen zeige und sage „This one!“. Ein tiefgehendes Gespräch ist nur mit Chinesen möglich die eine längere Zeit in einem englischsprachigen Land gelebt haben, weil ansonsten ihr Englisch nicht ausreicht um komplexe Gedanken in Worte zu fassen (das klingt jetzt so vorwurfsvoll ist es aber nicht gemeint schließlich sprechen viele Menschen in Deutschland auch eher rudimentäres Englisch).
Neben der Sprachbarriere kommt dann noch die Kultur dazu. Das klingt immer so platt und so krass ist das auch nicht. Schließlich ist China seit Jahrzehnten im Austausch mit dem Westen und die Globalisierung sorgt dafür, dass sich die Gesellschaften auf der ganzen Welt immer ähnlicher werden (ob das jetzt do positiv ist sei dahin gestellt). Aber ein subtiler Unterschied ist immer da. Ein Beispiel. Für mich und ich denke für viele Freunde von mir ist es ganz natürlich, dass wenn man ein reizvolles Angebot im Ausland hat man einfach geht. Man lässt sein Leben in Deutschland zurück und geht einfach. In China ist das Gegenteil die Regel. Ich habe viele Chinesen erlebt die „schlechte Jobs“ angenommen haben nur um in ihrer Heimat, zum Beispiel Shanghai, bleiben zu können, weil sie eine so wahnsinnig tiefe Verbundenheit mit ihrer Heimat haben. Es sind viele kleine Unterschiede wie diese die sich mit der Zeit ansammeln und nach und nach wurde mir etwas klar.
Ich kann niemals Teil dieser Gesellschaft (also der chinesischen) werden so wie ich Teil der amerikanischen Gesellschaft werden könnte. China ist ein sehr homogenes Land. Es sind relativ wenige Ausländer, geschweige denn Migranten im Land, vor allem aus dem Westen, selbst in den großen Städten wie Shanghai oder Beijing fällt man als Europäer einfach auf, vor allem mit blonden Haaren. Die Menschen wissen sofort, dass du nicht aus dem Land stammst.
Ebenfalls ein kleiner Schock für mich war, dass ich um die echte Küche des Landes kennen zu lernen jemand mit chinesisch Kenntnis brauche bzw. einen Chinesen. Wenn ich in einem normalen Supermarkt stehe weiß ich einfach nicht was man mit den Produkten anfangen kann. Ich bin gewöhnt in ein Restaurant zu gehen, das Essen zu essen und Dinge die mir gefallen einfach kopieren zu können (sofern sie nicht zu ausgefallen sind). Aber hier gibt es viele Gerichte wie zum Beispiel den stinkenden Tofu (der heißt wirklich so) von denen ich keine Ahnung habe ob man das überhaupt essen kann geschweige denn wie man sie zubereitet.
Das alles und vieles mehr führte dazu, dass ich mich zum ersten Mal fremd, wirklich wie ein Fremdkörper gefühlt habe und das wurde mir besonders intensiv bewusst als von meiner amerikanischen host in Beijing in die chinesische Familie in Shanghai kam.

Aber um zum Thema zurück zukommen: Die Chinesen. Sie lieben Essen. Etwas was ich sehr an ihnen mag. Ich habe noch nie so viel und so gut gegessen wie in meiner Zeit mit Liwen‘s Familie. Ich habe gefühlt alles probiert. Stinkender Tofu, Entenfüße, Schweineblut, frittierte Froschschenkel, kleine Grünteegebäcke, süße gefüllte Reisklöße, Reiskuchen und und und. Abgesehen von den Entenfüßen (fettiges, knorpliges und schwabbelige Fleischfetzchen an knochigen unappetitlich aussehenden Füßen) hat alles seeeeeeeeeeeeeehr gut geschmeckt. Aber die Chinesen essen nicht nur gerne (alles) sondern sie haben eine finde ich tolle Beziehung zum Essen. Essen ist nicht nur Nahrungsaufnahme sondern hat auch medizinische Aspekte. Gewisse Gerichte helfen gegen gewisse Krankheiten, bei sehr feuchtem Wetter darf keine Mango gegessen werden, bei einer Mahlzeit die als trocken empfunden wird, wird eine klare neutrale Gemüsesuppe mit serviert. Was die Europäer langsam zu begreifen beginnen nämlich, dass das Essen das wir zu uns nehmen in direktem Zusammenhang mit unserer Gesundheit steht ist in China schon seit eintausend Jahren bekannt und dort perfektioniert worden. Aber an dieser Stelle eine kleine Warnung an alle Veganer, Menschen die kein Gluten oder keine Laktose vertragen: Geht nicht nach China! Vegetarier sein geht noch. Es gibt immer Gemüsegerichte zum Essen und die sind meistens sehr schmackhaft, man wird zwar die komplette Zeit von Gemüse und Reis leben aber immerhin kommt man durch. Naja ganz stimmt das nicht. Es gibt buddhistische Restaurants meist in der Nähe von Tempeln, die nur köstliche vegetarische Gerichte servieren (aber leider auf der etwas teureren Seite). Wenn man aber Vegan oder gar Glutenfrei lebt ist China der Alptraum. Sojasoße, Teigtaschen, Pfannkuchen, Nudeln überall. Und wenn kein Fleisch dran ist, dann zumindest Ei. Oh und Fett vermeiden in China ist unmöglich. Alles wird in ordentlich viel Öl angebraten und alle Gereichte (bis auf Dim Sum) haben eine kleine Ölschicht obendrauf. Und das großartigste dabei ist, den Chinesen ist das ganz egal. Ich glaube ein sicherer Weg in China pleite zu gehen ist Diätkost zu verkaufen.
Neben dem Essen lieben es die Chinesen zu teilen Sie sind ein extrem gastfreundliches Volk, mal von den Trickbetrügern und Tourigeiern abgesehen aber hey Ausnahmen bestätigen die Regel. Erstes Beispiel Liwen’s Familie die mich einfach aufgenommen haben und keine Kosten und Mühen gescheut haben mir meinen Aufenthalt in China möglichst toll zu gestalten. Bei einer Wanderung in Hong Kong hat ein wildfremder Mann mir Kekse geschenkt als ich ihm sagte, dass ich kein Proviant auf die Wanderung mitgenommen habe und wenn man jemand findet der Englisch spricht und ihn oder sie nach dem Weg fragt geben sie sich alle Mühe zu helfen.

Nachdem ich jetzt lange über die positiven Seiten der Chinesen philosophiert habe will ich mal noch was zu Shanghai als Stadt schreiben. In Shanghai gilt: „Höher, schneller, weiter“. Es gibt einen Bezirk Pudong, der vor 20 Jahren aus Sumpfland und ein paar kleinen Häuschen bestand. Heute ist er gespickt Wolkenkratzern jenseits der 300m, tatsächlich ist Pudong inzwischen die Skyline von Shanghai. Im Englischen würde man sagen „The pace oft he city is really fast“. Das lässt sich jetzt etwas schwer übersetzen. Es meint, dass alle in der Stadt sehr in Eile sind, sich die Stadt permanent ändert und generell alles sehr beschleunigt ist. In Shanghai sieht man krassen Luxus neben leicht heruntergekommen Häuschen, Shopping Malls bevölkert von modisch gekleideten jungen Menschen, westliche Ketten überall und zwischendurch immer wieder Überbleibsel der Kolonialzeit. Alles in allem ist die Stadt etwas anstrengend.
Das will aber nicht heißen, dass ich nicht auch wirklich tolle Momente in Shanghai erlebt habe. Auf der Skydeck des World Financial Centers zu stehen in schwindelerregenden Höhe und die blinkende Stadt und sogar die Krümmung der Erde zu sehen ist beeindruckend, am Bund (dem Bezirk in dem die ganzen Kolonialbauten stehen) entlang zu laufen und sich fast wie in Paris zu fühlen (die Millionen von Chinesen haben dieses Bild etwas getrübt) hat seinen Reiz und es gibt zwischendurch auch kleine Juwelen (gestopft voll mit Touristen) wie Tianzifang, ein Bezirk voller netter kleiner Läden und Restaurants mit viel Charme.
Mein Highlight in Shanghai war das Museum of Contempry Art. Es waren zwei Werke ausgestellt. Einmal Nahaufnahmen eines Geldscheins, welche einen in eine rein durch Geld bestimmte Welt entführte die zwar zweifellos ihren Reiz hatte aber irgendwie monoton war. Aber besonders beeindruckt hat mich ein Kurzfilm in dem sich eine 70 jährige Dame, ein junges Mädchen und ein Mann Mitte 50 unterhielten. Es war ein sehr kritisches leicht abstraktes Porträt Chinas, seiner Ängste und all der hässlichen Seiten die die kommunistische Partei einfach ausblendet. Er war nur 15min lang aber ich habe in gleich drei Mal sehen müssen. Besonders gefallen hat mir am Museum, dass relativ wenig ausgestellt wurde. Ich bin es satt in Museen mit Info überflutet zu werden und aus einem komischen Gefühlt heraus, alles mitnehmen zu müssen alles zu lesen und am Ende die Hälfte zu vergessen. Gerade dadurch, dass die Ausstellung nur wenig gezeigt hat, gab sie dem gezeigten Raum ich zu entfalten und seine volle Wirkung auf mich zu haben.

Alles in allem muss ich sagen, dass Shanghai auf Dauer für mich zu anstrengend wäre bzw. die Stadt für mich zu sehr Business orientiert ist aber trotz allem sehr interessant und zweifellos sehr vielseitig. Durch Liwen’s Familie werde ich immer einen besonderen Bezug zu diesem Paris des Ostens haben.