Freitag, 21. August 2015

Shanghai: Von den Chinesen



Mein toller „Lonely Planet“ Reisführer schreibt: „Wenn Beijing Chinas Vergangenheit ist so ist Shanghai Chinas Zukunft“. Den Eindruck habe ich auch gemacht. Von Peking aus habe ich den Hochgeschwindigkeitszug nach Shanghai genommen. Vier Stunden (anstatt soliden 18) sitze ich in einem dem ICE sehr ähnlichen Zug, der mit 300 km/h durch die Landschaft brettert. In Shanghai habe ich mich mit Liwen’s Familie (Liwen ist eine Freundin von mir aus Shanghai, bei deren Familie ich wohnen durfte und deren Cousine Jessica mir Shanghai gezeigt hat) verabredet. Ich stehe am Ausgang aber da ist niemand. Ich warte. Eine Stunde, ich denke vllt. Stecken sie im Stau. Nochmal eine halbe Stunde später laufe ich etwas durch den Bahnhof. Es stellt sich heraus der Bahnhof hat 50 Gleise und ist monströs mit angegliederten Flughafen und was weiß ich nicht allem. Irgendwann gehe ich in ein Restaurant und schnorre dort Internet und erhalte die panischen und vermutlich etwas verärgerten Nachrichten von Liwen. Nochmal eine Stunde später schließlich habe ich Liwen’s Familie gefunden.
Allesamt sehr hungrig gehen wir dann in ein Hotpot Restaurant. Ein Hotpot ist sowas wie ein Fondue bloß mit mehr Auswahl an Sachen zum reinwerfen und dass auf der Brühe eine Schicht aus Chiliöl schwimmt. Reingeschmissen wird so ziemlich alles. Innereien, Rinderfleisch, Schweinefleisch, Pilze, Spinat, Salat, Tofu, Reiskuchen, Stückchen von Maiskolben, Fisch und alles schmeckt feurig scharf und super lecker. Irgendwann bin ich gestopft voll und Liwen’s Familie ist ganz schockiert, dass ich schon voll bin. Sie meinen alle ich esse so wenig. Sie essen und unterhalten sich alle weiter, während ich in müder Glückseligkeit in der Ecke sitze und dem Ganzen einfach nur zuschauen.
Wir schon im Titel angekündigt will ich ein bisschen was über die Chinesen bzw. wie sie auf mich gewirkt haben schreiben. Ich hatte das unglaubliche Glück in Shanghai in das Leben einer chinesischen Familie einzutauchen, wenn auch nur für eine kurze Weile. Liwen’s Eltern sind unglaublich nette Menschen, die mir jeden Morgen ein super leckeres Frühstück gezaubert haben und mir auf jede erdenkliche Weise geholfen haben und ihre Cousine hat mich zusammen mit ihrem Mann durch Shanghai kutschiert, dabei ein kleines Vermögen für mich ausgegeben und mir die Schokoladenseiten der Stadt gezeigt (dazu später mehr). Aber trotz allem hatte ich einen kleinen Kulturschock und zum allerersten Mal in meinem Leben habe ich so etwas wie Heimweh bzw. wünsche mir mit jemand anderem zu verreisen.
Das lag an mehreren Dingen. Zuerst ist da die Sprachbarriere. Die ist gewaltig. In Frankreich oder Schweden kann ich die Schilder und Verpackungen lesen, ich verstehe vereinzelt Worte oder grob den Inhalt eines Satzes. In China nicht! Chinesische Schriftzeichen sehen für mich alle gleich aus. Wenn es keine englische Übersetzung gibt kann ich mit einem Schild nichts anfangen. Verpackungen in Supermärkten sind für mich einfach nichtssagend, sprich ich habe keine Ahnung was drin ist ohne die Packung aufzureißen und selbst dann manchmal nicht. Wenn ein Restaurant kein Menü auf Englisch hat oder Bilder vom Essen ist bestellen unglaublich umständlich und besteht daraus, dass ich auf die Teller von Gästen zeige und sage „This one!“. Ein tiefgehendes Gespräch ist nur mit Chinesen möglich die eine längere Zeit in einem englischsprachigen Land gelebt haben, weil ansonsten ihr Englisch nicht ausreicht um komplexe Gedanken in Worte zu fassen (das klingt jetzt so vorwurfsvoll ist es aber nicht gemeint schließlich sprechen viele Menschen in Deutschland auch eher rudimentäres Englisch).
Neben der Sprachbarriere kommt dann noch die Kultur dazu. Das klingt immer so platt und so krass ist das auch nicht. Schließlich ist China seit Jahrzehnten im Austausch mit dem Westen und die Globalisierung sorgt dafür, dass sich die Gesellschaften auf der ganzen Welt immer ähnlicher werden (ob das jetzt do positiv ist sei dahin gestellt). Aber ein subtiler Unterschied ist immer da. Ein Beispiel. Für mich und ich denke für viele Freunde von mir ist es ganz natürlich, dass wenn man ein reizvolles Angebot im Ausland hat man einfach geht. Man lässt sein Leben in Deutschland zurück und geht einfach. In China ist das Gegenteil die Regel. Ich habe viele Chinesen erlebt die „schlechte Jobs“ angenommen haben nur um in ihrer Heimat, zum Beispiel Shanghai, bleiben zu können, weil sie eine so wahnsinnig tiefe Verbundenheit mit ihrer Heimat haben. Es sind viele kleine Unterschiede wie diese die sich mit der Zeit ansammeln und nach und nach wurde mir etwas klar.
Ich kann niemals Teil dieser Gesellschaft (also der chinesischen) werden so wie ich Teil der amerikanischen Gesellschaft werden könnte. China ist ein sehr homogenes Land. Es sind relativ wenige Ausländer, geschweige denn Migranten im Land, vor allem aus dem Westen, selbst in den großen Städten wie Shanghai oder Beijing fällt man als Europäer einfach auf, vor allem mit blonden Haaren. Die Menschen wissen sofort, dass du nicht aus dem Land stammst.
Ebenfalls ein kleiner Schock für mich war, dass ich um die echte Küche des Landes kennen zu lernen jemand mit chinesisch Kenntnis brauche bzw. einen Chinesen. Wenn ich in einem normalen Supermarkt stehe weiß ich einfach nicht was man mit den Produkten anfangen kann. Ich bin gewöhnt in ein Restaurant zu gehen, das Essen zu essen und Dinge die mir gefallen einfach kopieren zu können (sofern sie nicht zu ausgefallen sind). Aber hier gibt es viele Gerichte wie zum Beispiel den stinkenden Tofu (der heißt wirklich so) von denen ich keine Ahnung habe ob man das überhaupt essen kann geschweige denn wie man sie zubereitet.
Das alles und vieles mehr führte dazu, dass ich mich zum ersten Mal fremd, wirklich wie ein Fremdkörper gefühlt habe und das wurde mir besonders intensiv bewusst als von meiner amerikanischen host in Beijing in die chinesische Familie in Shanghai kam.

Aber um zum Thema zurück zukommen: Die Chinesen. Sie lieben Essen. Etwas was ich sehr an ihnen mag. Ich habe noch nie so viel und so gut gegessen wie in meiner Zeit mit Liwen‘s Familie. Ich habe gefühlt alles probiert. Stinkender Tofu, Entenfüße, Schweineblut, frittierte Froschschenkel, kleine Grünteegebäcke, süße gefüllte Reisklöße, Reiskuchen und und und. Abgesehen von den Entenfüßen (fettiges, knorpliges und schwabbelige Fleischfetzchen an knochigen unappetitlich aussehenden Füßen) hat alles seeeeeeeeeeeeeehr gut geschmeckt. Aber die Chinesen essen nicht nur gerne (alles) sondern sie haben eine finde ich tolle Beziehung zum Essen. Essen ist nicht nur Nahrungsaufnahme sondern hat auch medizinische Aspekte. Gewisse Gerichte helfen gegen gewisse Krankheiten, bei sehr feuchtem Wetter darf keine Mango gegessen werden, bei einer Mahlzeit die als trocken empfunden wird, wird eine klare neutrale Gemüsesuppe mit serviert. Was die Europäer langsam zu begreifen beginnen nämlich, dass das Essen das wir zu uns nehmen in direktem Zusammenhang mit unserer Gesundheit steht ist in China schon seit eintausend Jahren bekannt und dort perfektioniert worden. Aber an dieser Stelle eine kleine Warnung an alle Veganer, Menschen die kein Gluten oder keine Laktose vertragen: Geht nicht nach China! Vegetarier sein geht noch. Es gibt immer Gemüsegerichte zum Essen und die sind meistens sehr schmackhaft, man wird zwar die komplette Zeit von Gemüse und Reis leben aber immerhin kommt man durch. Naja ganz stimmt das nicht. Es gibt buddhistische Restaurants meist in der Nähe von Tempeln, die nur köstliche vegetarische Gerichte servieren (aber leider auf der etwas teureren Seite). Wenn man aber Vegan oder gar Glutenfrei lebt ist China der Alptraum. Sojasoße, Teigtaschen, Pfannkuchen, Nudeln überall. Und wenn kein Fleisch dran ist, dann zumindest Ei. Oh und Fett vermeiden in China ist unmöglich. Alles wird in ordentlich viel Öl angebraten und alle Gereichte (bis auf Dim Sum) haben eine kleine Ölschicht obendrauf. Und das großartigste dabei ist, den Chinesen ist das ganz egal. Ich glaube ein sicherer Weg in China pleite zu gehen ist Diätkost zu verkaufen.
Neben dem Essen lieben es die Chinesen zu teilen Sie sind ein extrem gastfreundliches Volk, mal von den Trickbetrügern und Tourigeiern abgesehen aber hey Ausnahmen bestätigen die Regel. Erstes Beispiel Liwen’s Familie die mich einfach aufgenommen haben und keine Kosten und Mühen gescheut haben mir meinen Aufenthalt in China möglichst toll zu gestalten. Bei einer Wanderung in Hong Kong hat ein wildfremder Mann mir Kekse geschenkt als ich ihm sagte, dass ich kein Proviant auf die Wanderung mitgenommen habe und wenn man jemand findet der Englisch spricht und ihn oder sie nach dem Weg fragt geben sie sich alle Mühe zu helfen.

Nachdem ich jetzt lange über die positiven Seiten der Chinesen philosophiert habe will ich mal noch was zu Shanghai als Stadt schreiben. In Shanghai gilt: „Höher, schneller, weiter“. Es gibt einen Bezirk Pudong, der vor 20 Jahren aus Sumpfland und ein paar kleinen Häuschen bestand. Heute ist er gespickt Wolkenkratzern jenseits der 300m, tatsächlich ist Pudong inzwischen die Skyline von Shanghai. Im Englischen würde man sagen „The pace oft he city is really fast“. Das lässt sich jetzt etwas schwer übersetzen. Es meint, dass alle in der Stadt sehr in Eile sind, sich die Stadt permanent ändert und generell alles sehr beschleunigt ist. In Shanghai sieht man krassen Luxus neben leicht heruntergekommen Häuschen, Shopping Malls bevölkert von modisch gekleideten jungen Menschen, westliche Ketten überall und zwischendurch immer wieder Überbleibsel der Kolonialzeit. Alles in allem ist die Stadt etwas anstrengend.
Das will aber nicht heißen, dass ich nicht auch wirklich tolle Momente in Shanghai erlebt habe. Auf der Skydeck des World Financial Centers zu stehen in schwindelerregenden Höhe und die blinkende Stadt und sogar die Krümmung der Erde zu sehen ist beeindruckend, am Bund (dem Bezirk in dem die ganzen Kolonialbauten stehen) entlang zu laufen und sich fast wie in Paris zu fühlen (die Millionen von Chinesen haben dieses Bild etwas getrübt) hat seinen Reiz und es gibt zwischendurch auch kleine Juwelen (gestopft voll mit Touristen) wie Tianzifang, ein Bezirk voller netter kleiner Läden und Restaurants mit viel Charme.
Mein Highlight in Shanghai war das Museum of Contempry Art. Es waren zwei Werke ausgestellt. Einmal Nahaufnahmen eines Geldscheins, welche einen in eine rein durch Geld bestimmte Welt entführte die zwar zweifellos ihren Reiz hatte aber irgendwie monoton war. Aber besonders beeindruckt hat mich ein Kurzfilm in dem sich eine 70 jährige Dame, ein junges Mädchen und ein Mann Mitte 50 unterhielten. Es war ein sehr kritisches leicht abstraktes Porträt Chinas, seiner Ängste und all der hässlichen Seiten die die kommunistische Partei einfach ausblendet. Er war nur 15min lang aber ich habe in gleich drei Mal sehen müssen. Besonders gefallen hat mir am Museum, dass relativ wenig ausgestellt wurde. Ich bin es satt in Museen mit Info überflutet zu werden und aus einem komischen Gefühlt heraus, alles mitnehmen zu müssen alles zu lesen und am Ende die Hälfte zu vergessen. Gerade dadurch, dass die Ausstellung nur wenig gezeigt hat, gab sie dem gezeigten Raum ich zu entfalten und seine volle Wirkung auf mich zu haben.

Alles in allem muss ich sagen, dass Shanghai auf Dauer für mich zu anstrengend wäre bzw. die Stadt für mich zu sehr Business orientiert ist aber trotz allem sehr interessant und zweifellos sehr vielseitig. Durch Liwen’s Familie werde ich immer einen besonderen Bezug zu diesem Paris des Ostens haben.

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