Mein toller „Lonely Planet“ Reisführer schreibt: „Wenn
Beijing Chinas Vergangenheit ist so ist Shanghai Chinas Zukunft“. Den Eindruck
habe ich auch gemacht. Von Peking aus habe ich den Hochgeschwindigkeitszug nach
Shanghai genommen. Vier Stunden (anstatt soliden 18) sitze ich in einem dem ICE
sehr ähnlichen Zug, der mit 300 km/h durch die Landschaft brettert. In Shanghai
habe ich mich mit Liwen’s Familie (Liwen ist eine Freundin von mir aus
Shanghai, bei deren Familie ich wohnen durfte und deren Cousine Jessica mir
Shanghai gezeigt hat) verabredet. Ich stehe am Ausgang aber da ist niemand. Ich
warte. Eine Stunde, ich denke vllt. Stecken sie im Stau. Nochmal eine halbe
Stunde später laufe ich etwas durch den Bahnhof. Es stellt sich heraus der
Bahnhof hat 50 Gleise und ist monströs mit angegliederten Flughafen und was
weiß ich nicht allem. Irgendwann gehe ich in ein Restaurant und schnorre dort
Internet und erhalte die panischen und vermutlich etwas verärgerten Nachrichten
von Liwen. Nochmal eine Stunde später schließlich habe ich Liwen’s Familie
gefunden.
Allesamt sehr hungrig gehen wir dann in ein Hotpot
Restaurant. Ein Hotpot ist sowas wie ein Fondue bloß mit mehr Auswahl an Sachen
zum reinwerfen und dass auf der Brühe eine Schicht aus Chiliöl schwimmt.
Reingeschmissen wird so ziemlich alles. Innereien, Rinderfleisch,
Schweinefleisch, Pilze, Spinat, Salat, Tofu, Reiskuchen, Stückchen von
Maiskolben, Fisch und alles schmeckt feurig scharf und super lecker. Irgendwann
bin ich gestopft voll und Liwen’s Familie ist ganz schockiert, dass ich schon
voll bin. Sie meinen alle ich esse so wenig. Sie essen und unterhalten sich
alle weiter, während ich in müder Glückseligkeit in der Ecke sitze und dem
Ganzen einfach nur zuschauen.
Wir schon im Titel angekündigt will ich ein bisschen was
über die Chinesen bzw. wie sie auf mich gewirkt haben schreiben. Ich hatte das
unglaubliche Glück in Shanghai in das Leben einer chinesischen Familie
einzutauchen, wenn auch nur für eine kurze Weile. Liwen’s Eltern sind
unglaublich nette Menschen, die mir jeden Morgen ein super leckeres Frühstück
gezaubert haben und mir auf jede erdenkliche Weise geholfen haben und ihre
Cousine hat mich zusammen mit ihrem Mann durch Shanghai kutschiert, dabei ein kleines
Vermögen für mich ausgegeben und mir die Schokoladenseiten der Stadt gezeigt
(dazu später mehr). Aber trotz allem hatte ich einen kleinen Kulturschock und
zum allerersten Mal in meinem Leben habe ich so etwas wie Heimweh bzw. wünsche
mir mit jemand anderem zu verreisen.
Das lag an mehreren Dingen. Zuerst ist da die
Sprachbarriere. Die ist gewaltig. In Frankreich oder Schweden kann ich die
Schilder und Verpackungen lesen, ich verstehe vereinzelt Worte oder grob den
Inhalt eines Satzes. In China nicht! Chinesische Schriftzeichen sehen für mich
alle gleich aus. Wenn es keine englische Übersetzung gibt kann ich mit einem
Schild nichts anfangen. Verpackungen in Supermärkten sind für mich einfach
nichtssagend, sprich ich habe keine Ahnung was drin ist ohne die Packung
aufzureißen und selbst dann manchmal nicht. Wenn ein Restaurant kein Menü auf
Englisch hat oder Bilder vom Essen ist bestellen unglaublich umständlich und
besteht daraus, dass ich auf die Teller von Gästen zeige und sage „This one!“.
Ein tiefgehendes Gespräch ist nur mit Chinesen möglich die eine längere Zeit in
einem englischsprachigen Land gelebt haben, weil ansonsten ihr Englisch nicht
ausreicht um komplexe Gedanken in Worte zu fassen (das klingt jetzt so
vorwurfsvoll ist es aber nicht gemeint schließlich sprechen viele Menschen in
Deutschland auch eher rudimentäres Englisch).
Neben der Sprachbarriere kommt dann noch die Kultur dazu.
Das klingt immer so platt und so krass ist das auch nicht. Schließlich ist
China seit Jahrzehnten im Austausch mit dem Westen und die Globalisierung sorgt
dafür, dass sich die Gesellschaften auf der ganzen Welt immer ähnlicher werden
(ob das jetzt do positiv ist sei dahin gestellt). Aber ein subtiler Unterschied
ist immer da. Ein Beispiel. Für mich und ich denke für viele Freunde von mir
ist es ganz natürlich, dass wenn man ein reizvolles Angebot im Ausland hat man
einfach geht. Man lässt sein Leben in Deutschland zurück und geht einfach. In
China ist das Gegenteil die Regel. Ich habe viele Chinesen erlebt die „schlechte
Jobs“ angenommen haben nur um in ihrer Heimat, zum Beispiel Shanghai, bleiben
zu können, weil sie eine so wahnsinnig tiefe Verbundenheit mit ihrer Heimat
haben. Es sind viele kleine Unterschiede wie diese die sich mit der Zeit
ansammeln und nach und nach wurde mir etwas klar.
Ich kann niemals Teil dieser Gesellschaft (also der
chinesischen) werden so wie ich Teil der amerikanischen Gesellschaft werden
könnte. China ist ein sehr homogenes Land. Es sind relativ wenige Ausländer,
geschweige denn Migranten im Land, vor allem aus dem Westen, selbst in den großen
Städten wie Shanghai oder Beijing fällt man als Europäer einfach auf, vor allem
mit blonden Haaren. Die Menschen wissen sofort, dass du nicht aus dem Land
stammst.
Ebenfalls ein kleiner Schock für mich war, dass ich um die
echte Küche des Landes kennen zu lernen jemand mit chinesisch Kenntnis brauche
bzw. einen Chinesen. Wenn ich in einem normalen Supermarkt stehe weiß ich
einfach nicht was man mit den Produkten anfangen kann. Ich bin gewöhnt in ein
Restaurant zu gehen, das Essen zu essen und Dinge die mir gefallen einfach
kopieren zu können (sofern sie nicht zu ausgefallen sind). Aber hier gibt es
viele Gerichte wie zum Beispiel den stinkenden Tofu (der heißt wirklich so) von
denen ich keine Ahnung habe ob man das überhaupt essen kann geschweige denn wie
man sie zubereitet.
Das alles und vieles mehr führte dazu, dass ich mich zum
ersten Mal fremd, wirklich wie ein Fremdkörper gefühlt habe und das wurde mir
besonders intensiv bewusst als von meiner amerikanischen host in Beijing in die
chinesische Familie in Shanghai kam.
Aber um zum Thema zurück zukommen: Die Chinesen. Sie lieben
Essen. Etwas was ich sehr an ihnen mag. Ich habe noch nie so viel und so gut
gegessen wie in meiner Zeit mit Liwen‘s Familie. Ich habe gefühlt alles
probiert. Stinkender Tofu, Entenfüße, Schweineblut, frittierte Froschschenkel,
kleine Grünteegebäcke, süße gefüllte Reisklöße, Reiskuchen und und und.
Abgesehen von den Entenfüßen (fettiges, knorpliges und schwabbelige Fleischfetzchen
an knochigen unappetitlich aussehenden Füßen) hat alles seeeeeeeeeeeeeehr gut
geschmeckt. Aber die Chinesen essen nicht nur gerne (alles) sondern sie haben
eine finde ich tolle Beziehung zum Essen. Essen ist nicht nur Nahrungsaufnahme
sondern hat auch medizinische Aspekte. Gewisse Gerichte helfen gegen gewisse
Krankheiten, bei sehr feuchtem Wetter darf keine Mango gegessen werden, bei
einer Mahlzeit die als trocken empfunden wird, wird eine klare neutrale
Gemüsesuppe mit serviert. Was die Europäer langsam zu begreifen beginnen
nämlich, dass das Essen das wir zu uns nehmen in direktem Zusammenhang mit
unserer Gesundheit steht ist in China schon seit eintausend Jahren bekannt und
dort perfektioniert worden. Aber an dieser Stelle eine kleine Warnung an alle
Veganer, Menschen die kein Gluten oder keine Laktose vertragen: Geht nicht nach
China! Vegetarier sein geht noch. Es gibt immer Gemüsegerichte zum Essen und
die sind meistens sehr schmackhaft, man wird zwar die komplette Zeit von Gemüse
und Reis leben aber immerhin kommt man durch. Naja ganz stimmt das nicht. Es
gibt buddhistische Restaurants meist in der Nähe von Tempeln, die nur köstliche
vegetarische Gerichte servieren (aber leider auf der etwas teureren Seite).
Wenn man aber Vegan oder gar Glutenfrei lebt ist China der Alptraum. Sojasoße,
Teigtaschen, Pfannkuchen, Nudeln überall. Und wenn kein Fleisch dran ist, dann
zumindest Ei. Oh und Fett vermeiden in China ist unmöglich. Alles wird in
ordentlich viel Öl angebraten und alle Gereichte (bis auf Dim Sum) haben eine
kleine Ölschicht obendrauf. Und das großartigste dabei ist, den Chinesen ist
das ganz egal. Ich glaube ein sicherer Weg in China pleite zu gehen ist
Diätkost zu verkaufen.
Neben dem Essen lieben es die Chinesen zu teilen Sie sind
ein extrem gastfreundliches Volk, mal von den Trickbetrügern und Tourigeiern
abgesehen aber hey Ausnahmen bestätigen die Regel. Erstes Beispiel Liwen’s
Familie die mich einfach aufgenommen haben und keine Kosten und Mühen gescheut
haben mir meinen Aufenthalt in China möglichst toll zu gestalten. Bei einer
Wanderung in Hong Kong hat ein wildfremder Mann mir Kekse geschenkt als ich ihm
sagte, dass ich kein Proviant auf die Wanderung mitgenommen habe und wenn man
jemand findet der Englisch spricht und ihn oder sie nach dem Weg fragt geben
sie sich alle Mühe zu helfen.
Nachdem ich jetzt lange über die positiven Seiten der
Chinesen philosophiert habe will ich mal noch was zu Shanghai als Stadt
schreiben. In Shanghai gilt: „Höher, schneller, weiter“. Es gibt einen Bezirk
Pudong, der vor 20 Jahren aus Sumpfland und ein paar kleinen Häuschen bestand.
Heute ist er gespickt Wolkenkratzern jenseits der 300m, tatsächlich ist Pudong
inzwischen die Skyline von Shanghai. Im Englischen würde man sagen „The pace
oft he city is really fast“. Das lässt sich jetzt etwas schwer übersetzen. Es
meint, dass alle in der Stadt sehr in Eile sind, sich die Stadt permanent
ändert und generell alles sehr beschleunigt ist. In Shanghai sieht man krassen
Luxus neben leicht heruntergekommen Häuschen, Shopping Malls bevölkert von
modisch gekleideten jungen Menschen, westliche Ketten überall und zwischendurch
immer wieder Überbleibsel der Kolonialzeit. Alles in allem ist die Stadt etwas
anstrengend.
Das will aber nicht heißen, dass ich nicht auch wirklich
tolle Momente in Shanghai erlebt habe. Auf der Skydeck des World Financial
Centers zu stehen in schwindelerregenden Höhe und die blinkende Stadt und sogar
die Krümmung der Erde zu sehen ist beeindruckend, am Bund (dem Bezirk in dem
die ganzen Kolonialbauten stehen) entlang zu laufen und sich fast wie in Paris
zu fühlen (die Millionen von Chinesen haben dieses Bild etwas getrübt) hat
seinen Reiz und es gibt zwischendurch auch kleine Juwelen (gestopft voll mit
Touristen) wie Tianzifang, ein Bezirk voller netter kleiner Läden und
Restaurants mit viel Charme.
Mein
Highlight in Shanghai war das Museum of Contempry Art. Es waren zwei
Werke ausgestellt. Einmal Nahaufnahmen eines Geldscheins, welche einen in eine
rein durch Geld bestimmte Welt entführte die zwar zweifellos ihren Reiz hatte
aber irgendwie monoton war. Aber besonders beeindruckt hat mich ein Kurzfilm in
dem sich eine 70 jährige Dame, ein junges Mädchen und ein Mann Mitte 50
unterhielten. Es war ein sehr kritisches leicht abstraktes Porträt Chinas,
seiner Ängste und all der hässlichen Seiten die die kommunistische Partei
einfach ausblendet. Er war nur 15min lang aber ich habe in gleich drei Mal
sehen müssen. Besonders gefallen hat mir am Museum, dass relativ wenig
ausgestellt wurde. Ich bin es satt in Museen mit Info überflutet zu werden und
aus einem komischen Gefühlt heraus, alles mitnehmen zu müssen alles zu lesen
und am Ende die Hälfte zu vergessen. Gerade dadurch, dass die Ausstellung nur
wenig gezeigt hat, gab sie dem gezeigten Raum ich zu entfalten und seine volle
Wirkung auf mich zu haben.
Alles in allem muss ich sagen, dass Shanghai auf Dauer für
mich zu anstrengend wäre bzw. die Stadt für mich zu sehr Business orientiert
ist aber trotz allem sehr interessant und zweifellos sehr vielseitig. Durch
Liwen’s Familie werde ich immer einen besonderen Bezug zu diesem Paris des
Ostens haben.
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