Es ist der erste März und ich sitze in einem Air China
Flieger von Frankfurt nach Peking. Ich bin etwas aufgeregt aber auf die
angenehme Weise. Vor knapp einem halben Jahr habe ich mitten in der Nacht einen
relativ billigen Flug gefunden und dann mehr oder weniger spontan beschlossen
in den Semesterferien einen Monat nach China zu reisen. Nach einem nervigen und
nicht enden wollendem Semester, einem teuren und unnötig komplizierten
Visumsantrag und etliche Couch Request später sitze ich endlich in dem Flieger
und mein kleines Abenteuer beginnt.
Neben mir sitzt ein nettes aber sehr ruhiges chinesisches
Ehepaar und auf der anderen Seite des Ganges eine sehr kontaktfreudige, ältere
Dame aus der Nähe von Frankfurt die in irgendeine Stadt in China fliegt um dort
eine Prüfung abzunehmen in irgendetwas das mit BWL zu tun hat. Ansonsten bin
ich zu 90% von Chinesen umgeben, die kurz nach dem der Flieger abgehoben ist
anfangen Snacks zu knabbern. Wer jetzt an ein kleines Tütchen Katoffelchips
denkt ist da ganz falsch. Es werden riesige Packungen von Nüssen (Mandeln,
Walnüsse, Erdnüsse…) ausgepackt, kleine Küchlein, Früchte jedweder Art und eine
Frau hat ein Stück getrocknetes mariniertes Fleisch an dem sie rumknabbert.
Dass man eine solche Vielfalt an Essen mit in den Flieger nehmen darf wusste
ich gar nicht. Dieser Eindruck der daueressenden Chinesen wird sich im Laufe
des Monats noch sehr verfestigen.
9h später landen wir, so denke ich, 30 min zu früh in
Peking. Was ich nicht bedacht habe ist die Größe dieses Flughafens. Eine gute
halbe Stunde tuckert unser Flugzeug über einen Flughafen der mindestens so groß
ist wie die Stadt in die ich zur Schule gegangen bin. Endlich am Terminal
angekommen laufe und fahre ich erstmal (mit der Flughafen eigenen S-Bahn) eine
halbe Stunde bis ich endlich an der Einwanderungsstation bin. Dort wird erstmal
eine gute Stunde in der Schlange gestanden und schließlich bin ich in Peking.
Ein berauschendes Gefühl nach so viel Vorbereitung und Nerven endlich am Ziel
bzw. am Anfang meiner Reise zu sein.
Gute drei Stunden später treffe ich mich mit meiner Host
Ashley. Sie ist Amerikanerin und unterrichtet für Disney Englisch an einer Art
Privatakademie für Kinder. Noch bevor ich mich auf den Weg in die Stadt mache
hält sie mir einen kleinen Vortrag, über Dinge die ich nicht tun soll bzw.
beachten in China. Nach dem ich mir angehört habe niemals schwarze Taxis zu
nehmen und nur offizielle Busse zu nehmen, fahre ich mit der Metro zur
verbotenen Stadt.
An der Stelle möchte ich nochmal auf die Größe Chinas
zurückkommen. Wir alle wissen, dass China ein großes Land ist in dem viele
Menschen leben. Ein bisschen so wie die USA dachte ich. FALSCH. China ist
größer, sehr viel größer. Vor allem die Städte. Im Vergleich zu Shanghai oder
Hong Kong sieht New York aus wie eine Kleinstadt und die (moderne) Architektur
in Guangzhou stellt alles in den Schatten, was ich jemals in Europa gesehen
habe. Wer denkt, dass die S-Bahn morgens voll sei wenn die Schüler in die Schule
fahren, war noch nie um 18.00 in einer Hong Konger Metro (wenn es eine Hölle
auf Erden gibt dann ist es die Hong Konger Metro um 18.00) und wer denkt dass
es in Deutschland lange Schlangen gibt war noch nie vor der verbotenen Stadt
oder wollte ein Zugticket in China kaufen. China ist gigantisch. Gebäude vor
allem in Peking können Ausmaße annehmen die alles übersteigen was ich je erlebt
habe. Bahnhöfe können bis zu 50 Bahnsteige (Shanghai) haben und überall sind
Menschenmassen.
So auch vor der verbotenen Stadt. Dort angekommen finde ich
mich irgendwann in einer Traube aus knapp 500 Menschen wieder die alle für den
Security Check anstehen. Nach 15min wird mir das alles zu blöd und ich will
gehen, drehe mich um und sehe, dass hinter mir nochmal knapp 200 Menschen
stehen. Entkommen unmöglich. Mehr oder weniger gefangen warte ich nochmal 30min
und endlich bin ich hinter der Sicherheitsschranke und kann jetzt in die
Verbotene Stadt. Wohl eher könnte, wenn die nicht montags geschlossen wäre. Ich
beschließe anstatt der blöden Verbotenen Stadt, die wahrscheinlich eh gar nicht
so toll ist wie alle sagen und nur von Touristenmassen überrannt wäre die
angrenzenden Parks des Kaisers zu sehen. In einem eben dieser Parks lerne ich
eine Gruppe netter „Englischlehrerinnen“ aus der Provinz kennen. Wir
beschließen gemeinsam etwas herum zulaufen. Sie sin sehr lustig drauf und wir
reden über dieses und jenes. Irgendwann kommen wir an einem „traditionell
chinesischem Teehaus“ vorbei. Sie beschwatzen mich rein zu gehen und ehe ich
mich versehe sitze ich auf einem Stuhl und schlürfe Olong Tee (der übrigens
nicht besser oder schlechter als die Tees aus den deutschen Teehäusern ist).
Wir plaudern und irgendwann kommt di e Rechnung. Genau kann ich sie nicht lesen,
da sie auf chinesisch ist, aber ich sehe eine Zahl und höre auf einmal Ashleys
Stimme die sagt: „If you meet someone on the Street and they are really nice to
you and they want to go into a tea house DON’T GO!“ Die Rechnung ist exorbitant
hoch und auf einmal begreife ich dass ich nach Strich und Faden verarscht
wurde. Tja das war meine erste Erfahrung als blonder Europäer in China. Man
fällt auf und das bedeutet leider, dass jeder Trickbetrüger im Umkreis von 500m
dich findet und sein Glück probieren wird. Es bedeutet auch, dass immer wieder
Menschen auf der Straße zu einem kommen und Bilder mit einem machen wollen.
Die nächsten Tage verbringe ich damit Peking zu erkunden.
Besonders angetan haben es mir die Hutongs. Das sind so Art kleine
Altstadtsiedlungen nördlich der verbotenen Stadt, die jetzt zu einer der
Haupttouristenattraktionen gehören. Sie sind angefüllt mit kleinen netten
Läden, Restaurants, Souvenirshops und Snackbuden. Aber trotz allem haben sie
Charme. Verwinkelt, etwas runtergekommen und vor allem auch bewohnt versprühen
sie nachts wenn nicht mehr so viele Touristen unterwegs sind einen leicht
mystischen, geheimnisvollen Charme. Tolle Orte um sich zu verirren und dabei
ein kleines Teigtaschenrestaurant mit den besten Teigtaschen der Welt zu essen.
Auch sehr empfehlenswert ist der 798 Arts District. Ein altes Fabrikgelände in
dem sich viele Galerien und Künstler niedergelassen haben und die großen Hallen
und das Ambiente nutzen um tolle Ausstellungen zeitgenössischer Kunst zu
machen. Die Kunstszene in China ist ganz anders als im Westen. In dem Land wird
jedwede Gesellschaftskritik durch Zensur aus den Medien entfernt und die Kunst
ist der einzige Weg indem Menschen auf Missstände aufmerksam machen können, die
es in China zu Hauf gibt. Man spürt beim Anblick der Werke, dass die Künstler
sie nicht geschaffen haben weil sie einen Lebensunterhalt bestreiten wollen
sondern weil sie den tiefen Drang verspüren etwas mitzuteilen (dazu mehr sobald
ich in Shanghai bin).
Mein absolutes Highlight in Peking war aber die große Mauer.
Am Tag bevor ich dahin bin kam noch eine Couch Surferin aus Paris, bei Ashley,
an und wir beschlossen gemeinsam zu gehen. Recht früh morgens waren wir an der
Bushaltestelle von der aus wir einen Bus Richtung Mutianyu (einen Abschnitt der
Mauer) nehmen sollten. Dort trafen wir eine nette Dame, die auch dahin wollte
also beschlossen wir zu dritt zu gehen. Dann kamen wir an eine „nette“ Dame die
uns in einen Bus verfrachtete, der uns schneller zur Mauer bringen sollte. An
der entsprechenden Haltestelle angekommen sollten wir dann einfach ein Taxi für
den Rest nehmen. An der Haltestelle angekommen stand dann ein schwarzes „Taxi“.
Wieder hört ich Ashley „NEVER EVER TAKE A BLACK TAXI“. Diesmal hörte ich auf
sie. Wir nahmen ein normales Taxi und haben jeder nur knapp 1€ mehr gezahlt,
wie mit der normalen Route, also nicht so schlimm.
Dann waren wir da, an der Talstation. Wir hatten Glück. Es
war der letzte Tag des chinesischen Neujahrs also waren wenig Leute da. Nach
einem kurzen aber anstrengenden Aufstieg standen wir dann auf der Mauer. Man
hört immer die große Mauer sei das längste je von Menschenhand gebaute Bauwerk
aber das wird ihr nicht gerecht. Ihre Größe ist nicht das Beeindruckenste an
ihr sondern ihre Lage. Sie schlängelt sich gefühlt endlos über die Bergrücken
man hat einen wunderschönen Ausblick über die umliegenden Täler und in
regelmäßigen Abständen steht da ein kleiner Wachturm. Es ist einfach
atemberaubend. Sie hat etwas Majestätisches und Ehrfurchteinflößendes. Ich kam
mir vor wie im Traum. Ich Zeno stad hier auf der anderen Seite der Welt auf
einem der bekanntesten Denkmäler der Menschheitsgeschichte.
Zurück in Peking war ich noch ganz euphorisch und ich hatte
Halsschmerzen. Strake Halsschmerzen. Als ich Ashley sagte, dass ich glaube
krank werde, meinte sie nur „No you’re not getting sick. It’s the pollution. It has been in the 200 the
past days”. Es gibt eine Skala mit der man die Luftverschmutzung misst. Der
Grenzwert in der EU beträgt 70. Die Menschen in China beginnen bei 100 eine
Atemmaske zu tragen und in Peking sind Werte um die 200-300 nichts
Ungewöhnliches. Mein Rekord in der einen Woche war 280. Als ich morgens
aufgestanden bin konnte man gerade noch den nächsten Wolkenkratzer in 200m
Entfernung sehen ab dann war da nur noch einen gelblicher Nebel. Nur dass es
eben kein Nebel war sondern Smog. In meinem jugendlichen Leichtsinn habe ich
gedacht, dass ich für eine Woche keine Atemmaske brauche. Tja falsch gedacht.
Ich hatte unglaubliche Halsschmerzen, fühlte mich krank und keine Knie taten
weh. Übrigens in ganz China gibt es Staub, ganz feinen braunen Staub der sich
auf alles setzt. Lass etwas über Nacht liegen und es hat einen dünnen Film
bräunlichen Staub angesetzt. Weiße Kleidung nimmt auch sehr schnell einen etwas
unschönen Farbton an.
Natürlich habe ich in einer Woche Peking noch viel mehr
gemacht und noch viele Eindrücke mehr mitgenommen aber ich denke mit meiner
Teehaus-Erfahrung, dem Smog und der großen Mauer habe ich die eindrücklichsten
Momente abgedeckt.
Als nächstes geht es nach Shanghai!
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