Freitag, 21. August 2015

Hong Kong: Not everyone who wanders is lost



In meinem letzten Post über Shanghai habe ich über den Pace (was sich in etwa mit Zeitgefühl übersetzten lässt) gesprochen. Nachdem ich gute 20h in einer kleinen Schafkabine in einem Zug verbracht habe ist der Pace nochmals ordentlich gestiegen. Ich war in Hong Kong angekommen. In den ersten zwei Wochen ist alles im kondensiert worden. In Peking hatte man viel Platz, die Stadt hatte zwar 12 Millionen Einwohner aber die verteilen sich auf eine riesige Fläche, weshalb man nie den Eindruck von Enge bekommt. Eher im Gegenteil in Peking ist alles groß. Shanghai ist da eher wie eine europäische Großstadt. Die Stadt ist zwar verhältnismäßig groß aber trotz allem relativ dicht besiedelt, in etwa so wie Berlin. In Hong Kong ist Platz rar bzw. teuer. Die Stadt liegt im Prinzip mitten in den Bergen. Es gibt wenig ebene Baufläche, bzw. im Stadtkern überhaupt sehr wenig Platz. Das führt in Kombination mit 7,1 Millionen Einwohnern dazu, dass alles sehr kondensiert ist. So hat meine Host zum Beispiel ein 15 m² Apartment in dem sie (für Hong Kong sehr luxuriös) alleine lebt, bzw. während ich da bin mit mir und noch einem netten Doktorand aus Lissabon. Tatsächlich habe ich Geschichten von 6 köpfigen Familien gehört die in 20m² Apartments leben, ganz einfach weil die Mieten in Hong Kong wirklich teuer sind (von dem was ich gesehen habe vergleichbar mit München). Nicht nur Mieten sind in Hong Kong teurer als in China allgemein sind die Lebenshaltungskosten höher. In keiner anderen Stadt habe ich so viel Geld für Essen ausgegeben wie in Hong Kong (etwas 60€ für 6 Tage und ich habe nicht gespart).

Das liegt wie vieles in Hong Kong an dem starken britischen Einfluss. Tatsächlich ist der mit dafür verantwortlich, dass ich die Stadt zu meiner chinesischen Lieblingsstadt erklärt habe. Durch die Briten sprechen die meisten Hong Konger zumindest rudimentäres englisch und praktisch alle Restaurants haben englische Menüs oder jemand der englisch spricht. Aber das vermutlich beste was die Briten hinterlassen haben ist die Sonderverwaltungszone. 

An dieser Stelle möchte ich einmal sagen, dass die Zensur in China einfach nur zum kotzen ist! Alle Google Produkte funktionieren nicht. Ich kann mich zwar ohne Google Maps zurecht finden aber ich kann nicht für einen Monat keine Emails empfangen. Zum Glück konnte ich über Outlook bzw. meine Handy Email Programm meine Mails abrufen ansonsten hätte ich dieses Praktikum gar nicht bekommen oder hätte kein Bahnticket nach Freiburg buchen können. Wenn es aber nur Google wäre. Kein Facebook zu haben ist nicht so schlimm aber kein Youtube ist für mich doch etwas herb und was einfach nur ätzend ist, ist dass alle westlichen Seiten verlangsamt sind. So hat die Couch Surfing Webseite mindestens 5min gebraucht um zu laden während alle chinesischen Webseiten in Sekunden da waren. Und all diese Probleme waren einfach weg als ich in Hong Kong war. Es war so angenehm. Ich konnte kurz nachschauen wo ich bin auf Google Maps. Habe kurz ein paar Fotos auf Facebook gepostet und konnte meiner Host Videos von Hilary Hahn auf Youtube zeigen. In Hong Kong fühlt man sich fast wie in einer Demokratie.

Zu den Vorzügen einer freien Presse kamen die vielen Ausländer. Vor allem auf Hong Kong Island gibt es eine Gegend die nur aus Bars besteht und die sind nachts von Menschen aus allen Teilen der Welt bevölkert. Ich konnte mir dort nichts leisten aber ich habe einen Abend nur damit zugebracht dort auf und ab zu laufen, weil es so wunderbar war nicht mehr aufzufallen und Englisch zu hören.

Ein weiterer Punkt auf dieser Lobliste über Hong Kong ist die Lage. Die Stadt ist auf engsten Raum komprimiert. Sie besteht praktisch nur aus Gebäuden die mehr als 20 Stockwerke hoch sind (was Nachts den Eindruck eines urbanen Urwalds erweckt) aber man kann sein wo man will man wird immer den Urwald oder das Meer sehen. Man muss nur 30 min laufen und man wird entweder in einem Wald stehen oder in einem Park. Die Stadt ist grün. Einen Tag habe ich damit zugebracht zu wandern. Ich habe einen Bus genommen und nach eine 45min Fahrt war ich auf einem kleinen Wanderpfad über eine Hügelkette. Es war atemberaubend schön. Man hat andauernd auf das Meer geblickt und wenn man um die Eck bog stand dort mitten im Wald oder am Strand ein Apartmentgebäude. Man hat in Hong Kong zwar extrem viele Menschen auf wenig Platz gequetscht aber man hat immer die Möglichkeit dem Ganzen zu entkommen in dem man einfach in die Natur fährt.

Als letzten Punkt über die Stadt will ich über das Leben in Hong Kong schreiben. Es ist anstrengend aber aufregend. Ich habe mich mit vielen Leuten darüber unterhalten und die meisten sagen, dass Hong Kong toll ist wenn man jung ist. Die Stadt ändert sich rasant, sie ist extrem vielseitig und für eine „chinesische“ Stadt und sie hat sich viel Authentizität bewahrt. Man sieht in Hong Kong immer wieder kleine buddhistische Schreine am Straßenrand und in jedem Stadtteil gibt es einen Tempel in dem man auch immer Leute beten sehen wird. Um die Ecke von meiner Host gab es einen Laden der hat so ziemlich alles aus Papier verkauft. Es gab Hemden aus Papier, Schuhe, Ventilatoren, kleine Abbildungen von Luxusvillen, Tabletts mit Essen, sogar Sexspielzeug aus Papier. Die Leute kaufen das und verbrennen es im Tempel. Sie glauben, dass es durch das Verbrennen zu den Verstorbenen gelangt. So zu sagen eine Art nachträgliche Grabbeigabe um den Ahnen im Jenseits die Dinge zu geben die sie im Diesseits genossen haben. Direkt neben diesem Papiershop gab es einen Nudelladen in dem ich die leckerste Nudelsuppe meines Lebens gegessen habe. Wenn man dann 10min läuft ist man in einer Markthalle angefüllt mit laut schreienden Chinesen, die wahlweiße den Verkäufer beschimpfen oder sich quer durch die Halle unterhalten. Dazwischen so ziemlich alles was man kochen kann. Fische und Meeresfrüchte, Fleisch, das aus Holztheken mit gigantischen Hackebeilen zerteilt wird, Gemüse so frisch und duftend, dass ich nie wieder nach Deutschland zurück will und natürlich Snackbuden mit kleinen Fischbällchen, Eierwaffeln und sehr zu empfehlenden gedämpften Teigtaschen. Weiter 10min weiter mit der U-Bahn ist man am Hafen. Abends kann man hier spazieren und die nicht endende Skyline Hong Kongs bewundern und landet dann per Zufall auf der „Avenue of the Stars“ auf der lauter Schauspieler sich verewigt haben von denen ich noch nie etwas gehört habe. Abends kommen hier Straßenmusiker hin und man kann in der angenehm warmen Nachtluft mit dem Duft von Meer in der Nase da sitzen und einfach nur Hong Kong genießen.

Oh und als kleiner Tipp für alle die nach Hong Kong gehen. Der Temple Street Nightmarket ist tatsächlich so toll wie im Reisführer steht. Es ist eine Straße die abends zu einem Basar für alles was man braucht und nicht braucht wird. Man kann sich externe Batterien für das Smartphone kaufen (sehr angesagt in China), Postkarten, kleine Glücksbringer, Schuhe, traditionell chinesische Kleidung, gut und schlecht gefälschte Markenkleidung, Schmuck, echte und falsche Seide und Jade. Es gibt eine Ecke mit Wahrsagern und alten Damen die einem die Karten legen oder aus der Hand lesen. Zwischendrin haben die Restaurants in der Straße einfach Tische auf den Weg gestellt und man kann lecker essen und mitten drin ist ein Park in dem man sich einfach ausruhen kann und den Touristen beim Feilschen zu sehen kann.

So jetzt aber genug über Hong Kong. In Hong Kong habe ich mich sehr viel mit meiner Host unterhalten. Angela hieß sie. Mitte 20, arbeitet am Flughafen im Customers Service und wohnt in einem Apartment ihrer Mutter. Gebürtige Hong Kongerin und obwohl sie erst im November mit Couch Surfing angefangen hat, hat sie schon über 20 Leute gehostet (was nicht schwer ist in Hong Kong wo man zwischen 10 und 20 Anfragen pro Tag bekommt). Sie ist sehr locker drauf und man kann sich ganz wunderbar mit ihr unterhalten. Ein Thema über das ich mit ihr gesprochen habe und das ich hier aufgreifen möchte ist das Reisen.
Angela hat gesagt, dass sie in der kurzen Zeit in der sie nun bei Couch Surfing ist zu dem Schluss gekommen ist, dass viele Couch Surfer „Lost Souls“ sind. Viele sind Anfang oder Mitte 20 und haben einfach keine Ahnung was sie tun sollen und was gibt es besseres um seinen Horizont zu erweitern und vielleicht endlich etwas zu finden was man in Zukunft machen möchte als Reisen. Jetzt ist es aber so, dass ich nicht verloren bin. Nicht mehr. Ich weiß inzwischen ziemlich genau was und wohin ich will und nach und nach komme ich mir selber auch näher, finde mich selbst und auch wenn ich mich gerne beklage, mein Leben ist schön. Weshalb reise ich also?

Das war eine Frage die mich doch einige Zeit beschäftigt hat. Wenn ich schon weiß wie es weiter gehen soll warum wandere ich dann durch die Weltgeschichte und gebe mein wertvoll erarbeitetes Geld fürs Reisen aus. Ich kann jetzt platt sagen, um meinen Horizont zu erweitern aber es stimmt. Viele sagen, dass Reisen bildet, dem kann ich nur bedingt zu stimmen. Ich könnte in Hong Kong oder Shanghai (wenn ich genug Geld hätte) genau so leben wie in Deutschland und in keinerlei Kontakt mit der chinesischen Kultur treten. Durch Couch Surfing ist dem schon mal etwas vorgebeugt aber um ganz ehrlich zu sein, mit den Couch Surfern erlebt man auch nicht unbedingt das Land bzw. die Mentalität der Einheimischen. Couch Surfer sind allesamt lockere, offene, freundliche Leute, die schon relativ viel durch die Welt getingelt sind, meist schon längere Zeit im Ausland waren. Die Meisten haben eine gute Ausbildung und sind eher alternativ orientiert. Ich liebe es mit ihnen unterwegs zu sein aber wenn ich meine Hosts in China mit den „normalen“ Chinesen die ich kennen gelernt habe vergleiche ist das ein Unterschied wie Tag und Nacht. Also lerne ich auch nicht unbedingt die traditionelle Kultur vor Ort kennen. Was ist also der Sinn hinter dem Reisen?

Der Sinn für mich liegt in mehreren Punkten. Einer davon ist mir ein eigenes Bild unserer Welt zu verschaffen. Ich lese über die große Mauer, schaue Dokumentationen über ihren Bau aber wenn ich auf ihr stehe realisiere ich auf einmal, dass ich auf einem Stück Menschheitsgeschichte stehe. Ich sehe wie sich auf den Bergrücken entlang schlängelt und fühle mich ganz klein und unbedeutend. Ich esse Entenfüße in Shanghai und beschließe, dass es tatsächlich Dinge in der chinesischen Küche gibt die mir wirklich nicht schmecken. Ich esse zum ersten Mal echte Sichuan Küche und entdecke wie wunderbar Frosch schmeckt, wenn man ihn in Chili-Öl badet und mit viel Pfeffer serviert. Ich stehe in Peking vor dem Hauptbahnhof, vor mir mindestens 2000 Menschen, die an 50 offenen Schaltern Fahrtkarten kaufen wollen, das ganze wird von Polizisten mit umgeschnallten Gewehren überwacht. Durch das reisen entwickle ich langsam ein Gefühl dafür wie groß die Welt gibt und dass ich machen kann was ich will ich werde niemals alles sehen und das ist auch nicht schlimm, denn es kann sein, dass ich mich ganz furchtbar in Peking verlaufe und dann gehe ich um die Ecke und auf einmal ist da diese unbeschreiblich beeindruckende Gebäude eines deutschen Architekten über das ich gelesen habe und ich komme gar nicht mehr hinterher mit Fotos machen.

Durch mein vieles Rumgereise, nicht nur in China sondern auch in den USA habe ich gelernt, dass jeder Moment, jedes Erlebnis kostbar ist. Auch wenn ich eine Stunde in der Schlange für die Verbotene Stadt warte und die dann zu ist, ist das eine kostbare Erfahrung. Ich habe zum ersten Mal erlebt wie viele Chinesen es gibt und was es bedeutet einer unter tausenden zu sein. Man kann alles dazu benutzen sich zu bereichern, eine bessere Person zu werden oder zumindest aus seinen Fehlern zu lernen (ich sage nur Teehaus). Wichtig dafür ist vor allem einfach offen zu sein und optimistisch. In dem einem Monat in China ist auch einiges schief gelaufen aber am Ende war immer alles gut und ich war dort wo ich hin wollte oder zumindest in der Nähe. Dieser tiefe Glauben daran, dass dich alles fügen wird und auch ätzende Erfahrungen einen Wert haben, haben mich in den vergangenem Jahr durch viel Unikram und viel persönlichen Stress getragen.
Zu guter Letzt gibt mir das Reisen etwas was ich in Deutschland in dem Maß nie habe. Zeit für mich selber. Es gibt mir Zeit über mich und mein Leben nachzudenken, es gibt mir die Möglichkeit mich einfach mal treiben zu lassen und auch Abstand zu allem was so vor sich geht zu gewinnen. In der Uni stehe ich konstant unter Leistungsdruck (der auch zu gewissem Teil von mir stammt) und ich habe permanent zehntausend Dinge die ganz dringend sind. Wenn ich reise kann ich die Welt einfach mal Welt sein lassen und einfach nach Yangshou fahren und dort ein bisschen wandern. Ich kann mich in Hangzhou mit meinen Teigtaschen in den Park setzten und einfach mal eine Stunde den Chinesen beim Tai Chi, tanzen oder Fußball spielen zu sehen. Während all dieser Freizeit kann ich dann darüber nachdenken ob den Fokus den ich in der Chemie wählen möchte der richtige für mich ist oder ob ich noch warten soll, ob ich wirklich nochmal für ein Jahr in die USA will oder vielleicht doch lieber Hong Kong oder Seoul oder einfach nur darüber wie man wohl die Soße für den frittierten Tofu macht. (Noch ein Vorzug des Reisens, man lernt neue Gerichte kennen wie zum Beispiel diesen köstlichen Salat aus Erdnüssen, Karotten und Sellerie).

Zusammenfassend könnte ich sagen: Reisen gibt mir die Möglichkeit zur Selbstreflektion, stärkt mein Grundvertrauen in die Welt und gibt mir einen Sinn für die Größe und Vielschichtigkeit des Planeten der uns umgibt. Ich reise nicht um mich selbst zu finden sondern ich reise um nicht den Blick für das Wesentliche zu verlieren (und um zu essen).

Mit diesem neuen Bewusstsein fürs Reisen habe ich nach fünf schönen Tagen in Hong Kong eine ultramoderne Fähre in das Las Vegas des Ostens genommen. Macau.

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