In meinem letzten Post über Shanghai habe ich über den Pace
(was sich in etwa mit Zeitgefühl übersetzten lässt) gesprochen. Nachdem ich
gute 20h in einer kleinen Schafkabine in einem Zug verbracht habe ist der Pace
nochmals ordentlich gestiegen. Ich war in Hong Kong angekommen. In den ersten
zwei Wochen ist alles im kondensiert worden. In Peking hatte man viel Platz,
die Stadt hatte zwar 12 Millionen Einwohner aber die verteilen sich auf eine
riesige Fläche, weshalb man nie den Eindruck von Enge bekommt. Eher im
Gegenteil in Peking ist alles groß. Shanghai ist da eher wie eine europäische
Großstadt. Die Stadt ist zwar verhältnismäßig groß aber trotz allem relativ
dicht besiedelt, in etwa so wie Berlin. In Hong Kong ist Platz rar bzw. teuer.
Die Stadt liegt im Prinzip mitten in den Bergen. Es gibt wenig ebene Baufläche,
bzw. im Stadtkern überhaupt sehr wenig Platz. Das führt in Kombination mit 7,1
Millionen Einwohnern dazu, dass alles sehr kondensiert ist. So hat meine Host
zum Beispiel ein 15 m² Apartment in dem sie (für Hong Kong sehr luxuriös)
alleine lebt, bzw. während ich da bin mit mir und noch einem netten Doktorand
aus Lissabon. Tatsächlich habe ich Geschichten von 6 köpfigen Familien gehört
die in 20m² Apartments leben, ganz einfach weil die Mieten in Hong Kong
wirklich teuer sind (von dem was ich gesehen habe vergleichbar mit München).
Nicht nur Mieten sind in Hong Kong teurer als in China allgemein sind die
Lebenshaltungskosten höher. In keiner anderen Stadt habe ich so viel Geld für
Essen ausgegeben wie in Hong Kong (etwas 60€ für 6 Tage und ich habe nicht
gespart).
Das liegt wie vieles in Hong Kong an dem starken britischen
Einfluss. Tatsächlich ist der mit dafür verantwortlich, dass ich die Stadt zu
meiner chinesischen Lieblingsstadt erklärt habe. Durch die Briten sprechen die
meisten Hong Konger zumindest rudimentäres englisch und praktisch alle
Restaurants haben englische Menüs oder jemand der englisch spricht. Aber das
vermutlich beste was die Briten hinterlassen haben ist die
Sonderverwaltungszone.
An dieser Stelle möchte ich einmal sagen, dass die Zensur in
China einfach nur zum kotzen ist! Alle Google Produkte funktionieren nicht. Ich
kann mich zwar ohne Google Maps zurecht finden aber ich kann nicht für einen
Monat keine Emails empfangen. Zum Glück konnte ich über Outlook bzw. meine
Handy Email Programm meine Mails abrufen ansonsten hätte ich dieses Praktikum
gar nicht bekommen oder hätte kein Bahnticket nach Freiburg buchen können. Wenn
es aber nur Google wäre. Kein Facebook zu haben ist nicht so schlimm aber kein
Youtube ist für mich doch etwas herb und was einfach nur ätzend ist, ist dass
alle westlichen Seiten verlangsamt sind. So hat die Couch Surfing Webseite
mindestens 5min gebraucht um zu laden während alle chinesischen Webseiten in
Sekunden da waren. Und all diese Probleme waren einfach weg als ich in Hong
Kong war. Es war so angenehm. Ich konnte kurz nachschauen wo ich bin auf Google
Maps. Habe kurz ein paar Fotos auf Facebook gepostet und konnte meiner Host
Videos von Hilary Hahn auf Youtube zeigen. In Hong Kong fühlt man sich fast wie
in einer Demokratie.
Zu den Vorzügen einer freien Presse kamen die vielen
Ausländer. Vor allem auf Hong Kong Island gibt es eine Gegend die nur aus Bars
besteht und die sind nachts von Menschen aus allen Teilen der Welt bevölkert.
Ich konnte mir dort nichts leisten aber ich habe einen Abend nur damit
zugebracht dort auf und ab zu laufen, weil es so wunderbar war nicht mehr
aufzufallen und Englisch zu hören.
Ein weiterer Punkt auf dieser Lobliste über Hong Kong ist
die Lage. Die Stadt ist auf engsten Raum komprimiert. Sie besteht praktisch nur
aus Gebäuden die mehr als 20 Stockwerke hoch sind (was Nachts den Eindruck
eines urbanen Urwalds erweckt) aber man kann sein wo man will man wird immer
den Urwald oder das Meer sehen. Man muss nur 30 min laufen und man wird
entweder in einem Wald stehen oder in einem Park. Die Stadt ist grün. Einen Tag
habe ich damit zugebracht zu wandern. Ich habe einen Bus genommen und nach eine
45min Fahrt war ich auf einem kleinen Wanderpfad über eine Hügelkette. Es war
atemberaubend schön. Man hat andauernd auf das Meer geblickt und wenn man um
die Eck bog stand dort mitten im Wald oder am Strand ein Apartmentgebäude. Man
hat in Hong Kong zwar extrem viele Menschen auf wenig Platz gequetscht aber man
hat immer die Möglichkeit dem Ganzen zu entkommen in dem man einfach in die Natur
fährt.
Als letzten Punkt über die Stadt will ich über das Leben in
Hong Kong schreiben. Es ist anstrengend aber aufregend. Ich habe mich mit
vielen Leuten darüber unterhalten und die meisten sagen, dass Hong Kong toll
ist wenn man jung ist. Die Stadt ändert sich rasant, sie ist extrem vielseitig
und für eine „chinesische“ Stadt und sie hat sich viel Authentizität bewahrt.
Man sieht in Hong Kong immer wieder kleine buddhistische Schreine am
Straßenrand und in jedem Stadtteil gibt es einen Tempel in dem man auch immer
Leute beten sehen wird. Um die Ecke von meiner Host gab es einen Laden der hat
so ziemlich alles aus Papier verkauft. Es gab Hemden aus Papier, Schuhe,
Ventilatoren, kleine Abbildungen von Luxusvillen, Tabletts mit Essen, sogar
Sexspielzeug aus Papier. Die Leute kaufen das und verbrennen es im Tempel. Sie
glauben, dass es durch das Verbrennen zu den Verstorbenen gelangt. So zu sagen
eine Art nachträgliche Grabbeigabe um den Ahnen im Jenseits die Dinge zu geben
die sie im Diesseits genossen haben. Direkt neben diesem Papiershop gab es
einen Nudelladen in dem ich die leckerste Nudelsuppe meines Lebens gegessen
habe. Wenn man dann 10min läuft ist man in einer Markthalle angefüllt mit laut
schreienden Chinesen, die wahlweiße den Verkäufer beschimpfen oder sich quer
durch die Halle unterhalten. Dazwischen so ziemlich alles was man kochen kann.
Fische und Meeresfrüchte, Fleisch, das aus Holztheken mit gigantischen
Hackebeilen zerteilt wird, Gemüse so frisch und duftend, dass ich nie wieder
nach Deutschland zurück will und natürlich Snackbuden mit kleinen
Fischbällchen, Eierwaffeln und sehr zu empfehlenden gedämpften Teigtaschen.
Weiter 10min weiter mit der U-Bahn ist man am Hafen. Abends kann man hier
spazieren und die nicht endende Skyline Hong Kongs bewundern und landet dann
per Zufall auf der „Avenue of the Stars“ auf der lauter Schauspieler sich
verewigt haben von denen ich noch nie etwas gehört habe. Abends kommen hier
Straßenmusiker hin und man kann in der angenehm warmen Nachtluft mit dem Duft von
Meer in der Nase da sitzen und einfach nur Hong Kong genießen.
Oh und als kleiner Tipp für alle die nach Hong Kong gehen.
Der Temple Street Nightmarket ist tatsächlich so toll wie im Reisführer steht.
Es ist eine Straße die abends zu einem Basar für alles was man braucht und
nicht braucht wird. Man kann sich externe Batterien für das Smartphone kaufen
(sehr angesagt in China), Postkarten, kleine Glücksbringer, Schuhe,
traditionell chinesische Kleidung, gut und schlecht gefälschte Markenkleidung,
Schmuck, echte und falsche Seide und Jade. Es gibt eine Ecke mit Wahrsagern und
alten Damen die einem die Karten legen oder aus der Hand lesen. Zwischendrin
haben die Restaurants in der Straße einfach Tische auf den Weg gestellt und man
kann lecker essen und mitten drin ist ein Park in dem man sich einfach ausruhen
kann und den Touristen beim Feilschen zu sehen kann.
So jetzt aber genug über Hong Kong. In Hong Kong habe ich
mich sehr viel mit meiner Host unterhalten. Angela hieß sie. Mitte 20, arbeitet
am Flughafen im Customers Service und wohnt in einem Apartment ihrer Mutter.
Gebürtige Hong Kongerin und obwohl sie erst im November mit Couch Surfing
angefangen hat, hat sie schon über 20 Leute gehostet (was nicht schwer ist in
Hong Kong wo man zwischen 10 und 20 Anfragen pro Tag bekommt). Sie ist sehr
locker drauf und man kann sich ganz wunderbar mit ihr unterhalten. Ein Thema
über das ich mit ihr gesprochen habe und das ich hier aufgreifen möchte ist das
Reisen.
Angela hat gesagt, dass sie in der kurzen Zeit in der sie
nun bei Couch Surfing ist zu dem Schluss gekommen ist, dass viele Couch Surfer
„Lost Souls“ sind. Viele sind Anfang oder Mitte 20 und haben einfach keine
Ahnung was sie tun sollen und was gibt es besseres um seinen Horizont zu
erweitern und vielleicht endlich etwas zu finden was man in Zukunft machen
möchte als Reisen. Jetzt ist es aber so, dass ich nicht verloren bin. Nicht
mehr. Ich weiß inzwischen ziemlich genau was und wohin ich will und nach und
nach komme ich mir selber auch näher, finde mich selbst und auch wenn ich mich
gerne beklage, mein Leben ist schön. Weshalb reise ich also?
Das war eine Frage die mich doch einige Zeit beschäftigt
hat. Wenn ich schon weiß wie es weiter gehen soll warum wandere ich dann durch
die Weltgeschichte und gebe mein wertvoll erarbeitetes Geld fürs Reisen aus.
Ich kann jetzt platt sagen, um meinen Horizont zu erweitern aber es stimmt.
Viele sagen, dass Reisen bildet, dem kann ich nur bedingt zu stimmen. Ich
könnte in Hong Kong oder Shanghai (wenn ich genug Geld hätte) genau so leben
wie in Deutschland und in keinerlei Kontakt mit der chinesischen Kultur treten.
Durch Couch Surfing ist dem schon mal etwas vorgebeugt aber um ganz ehrlich zu
sein, mit den Couch Surfern erlebt man auch nicht unbedingt das Land bzw. die Mentalität
der Einheimischen. Couch Surfer sind allesamt lockere, offene, freundliche
Leute, die schon relativ viel durch die Welt getingelt sind, meist schon
längere Zeit im Ausland waren. Die Meisten haben eine gute Ausbildung und sind
eher alternativ orientiert. Ich liebe es mit ihnen unterwegs zu sein aber wenn
ich meine Hosts in China mit den „normalen“ Chinesen die ich kennen gelernt
habe vergleiche ist das ein Unterschied wie Tag und Nacht. Also lerne ich auch
nicht unbedingt die traditionelle Kultur vor Ort kennen. Was ist also der Sinn
hinter dem Reisen?
Der Sinn für mich liegt in mehreren Punkten. Einer davon ist
mir ein eigenes Bild unserer Welt zu verschaffen. Ich lese über die große
Mauer, schaue Dokumentationen über ihren Bau aber wenn ich auf ihr stehe
realisiere ich auf einmal, dass ich auf einem Stück Menschheitsgeschichte
stehe. Ich sehe wie sich auf den Bergrücken entlang schlängelt und fühle mich
ganz klein und unbedeutend. Ich esse Entenfüße in Shanghai und beschließe, dass
es tatsächlich Dinge in der chinesischen Küche gibt die mir wirklich nicht
schmecken. Ich esse zum ersten Mal echte Sichuan Küche und entdecke wie
wunderbar Frosch schmeckt, wenn man ihn in Chili-Öl badet und mit viel Pfeffer
serviert. Ich stehe in Peking vor dem Hauptbahnhof, vor mir mindestens 2000
Menschen, die an 50 offenen Schaltern Fahrtkarten kaufen wollen, das ganze wird
von Polizisten mit umgeschnallten Gewehren überwacht. Durch das reisen
entwickle ich langsam ein Gefühl dafür wie groß die Welt gibt und dass ich
machen kann was ich will ich werde niemals alles sehen und das ist auch nicht
schlimm, denn es kann sein, dass ich mich ganz furchtbar in Peking verlaufe und
dann gehe ich um die Ecke und auf einmal ist da diese unbeschreiblich
beeindruckende Gebäude eines deutschen Architekten über das ich gelesen habe
und ich komme gar nicht mehr hinterher mit Fotos machen.
Durch mein vieles Rumgereise, nicht nur in China sondern
auch in den USA habe ich gelernt, dass jeder Moment, jedes Erlebnis kostbar
ist. Auch wenn ich eine Stunde in der Schlange für die Verbotene Stadt warte
und die dann zu ist, ist das eine kostbare Erfahrung. Ich habe zum ersten Mal
erlebt wie viele Chinesen es gibt und was es bedeutet einer unter tausenden zu
sein. Man kann alles dazu benutzen sich zu bereichern, eine bessere Person zu
werden oder zumindest aus seinen Fehlern zu lernen (ich sage nur Teehaus).
Wichtig dafür ist vor allem einfach offen zu sein und optimistisch. In dem
einem Monat in China ist auch einiges schief gelaufen aber am Ende war immer
alles gut und ich war dort wo ich hin wollte oder zumindest in der Nähe. Dieser
tiefe Glauben daran, dass dich alles fügen wird und auch ätzende Erfahrungen
einen Wert haben, haben mich in den vergangenem Jahr durch viel Unikram und
viel persönlichen Stress getragen.
Zu guter Letzt gibt mir das Reisen etwas was ich in
Deutschland in dem Maß nie habe. Zeit für mich selber. Es gibt mir Zeit über
mich und mein Leben nachzudenken, es gibt mir die Möglichkeit mich einfach mal
treiben zu lassen und auch Abstand zu allem was so vor sich geht zu gewinnen.
In der Uni stehe ich konstant unter Leistungsdruck (der auch zu gewissem Teil
von mir stammt) und ich habe permanent zehntausend Dinge die ganz dringend
sind. Wenn ich reise kann ich die Welt einfach mal Welt sein lassen und einfach
nach Yangshou fahren und dort ein bisschen wandern. Ich kann mich in Hangzhou
mit meinen Teigtaschen in den Park setzten und einfach mal eine Stunde den
Chinesen beim Tai Chi, tanzen oder Fußball spielen zu sehen. Während all dieser
Freizeit kann ich dann darüber nachdenken ob den Fokus den ich in der Chemie
wählen möchte der richtige für mich ist oder ob ich noch warten soll, ob ich
wirklich nochmal für ein Jahr in die USA will oder vielleicht doch lieber Hong
Kong oder Seoul oder einfach nur darüber wie man wohl die Soße für den
frittierten Tofu macht. (Noch ein Vorzug des Reisens, man lernt neue Gerichte
kennen wie zum Beispiel diesen köstlichen Salat aus Erdnüssen, Karotten und
Sellerie).
Zusammenfassend könnte ich sagen: Reisen gibt mir die
Möglichkeit zur Selbstreflektion, stärkt mein Grundvertrauen in die Welt und
gibt mir einen Sinn für die Größe und Vielschichtigkeit des Planeten der uns
umgibt. Ich reise nicht um mich selbst zu finden sondern ich reise um nicht den
Blick für das Wesentliche zu verlieren (und um zu essen).
Mit diesem neuen Bewusstsein fürs Reisen habe ich nach fünf
schönen Tagen in Hong Kong eine ultramoderne Fähre in das Las Vegas des Ostens
genommen. Macau.
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