Dienstag, 8. September 2015

Erste Schritte



Heute habe ich zum ersten Mal ein bisschen im Labor gearbeitet. Leider habe ich die Nacht über wieder recht wenig geschlafen aber als ich dann morgens ins Büro ankam und Xiaodong mich fragte ob er mir zeigen soll wie der „Injection Moulder“ (ein Gerät mit dem man Plastik aufschmilzt und in verschiedene Formen einspritzen kann), da war ich sofort hellwach. Da Gerät zu bedienen ist eigentlich relativ simpel aber das Putzen dauer recht lange. An dieser Stelle möchte ich ein bisschen was zu den chinesischen Laboren schreiben.

In Deutschland beziehungsweise bei uns an der Uni gelten recht strikte Vorschriften im Umgang mit Chemikalien. In der Forschung sind diese noch enger. Man muss sich über das Gefahrenüotential jeder Chemikalie im klaren sein, dementsprechend werden Chemikalien immer entsprechend gelagert (Säuren und Laugen im Säurenschrank, brennbare Flüssigkeiten im feuersichern Schrank und alles wird immer an seinem festen Platz gelagert), alle Glasgeräte, Waagen, eigentlich alles wird immer sofort sauber gemacht, alles wird fachgerecht entsorgt (vor allem Chemikalien und wenn es auch nur Alkohol ist) und es werden eigentlich nie Sachen auf den Boden gestellt (Stolpergefahr). So in China ist vieles genau andersherum. Im Labor steht alles voll mit leeren und vollen Behältern. Gute zwei Drittel davon sind nicht beschriftet oder wenn dann mit so aussagekräftigen Botschaften wie 1. Alles ist mit einer recht soliden Schicht aus schwarzbraunem Dreck überzogen, der schon krebserregend aussieht und eine rechte Ordnung gibt es nicht. Ein Teil des Geräts heute Morgen war gute 300°C warm und aus jeder Ecke sifften Reste von frühere Polymeren die in irgendwelche Ritzen gelangt waren nicht weggeputzt wurden und über die Zeit zu schwarzem Teer verbrannt sind. Kurzum der Sicherheitsbeauftragte unserer Uni Herr Deck wäre mehr als nur unzufrieden.

Von dem leichten Schock mal abgesehen war ich aber Feuer und Flamme. Ich habe mir zeigen lasen wie man das Gerät bedient und dann ganz eifrig Probenkörper gespritzt und die Ecken abgeschnitten. Bis wir genug für die Tests morgen hatten war es Zeit für das Mittagessen. Nach dem Essen und der Pause hat dann Orange (meine Doktorandin) zusammen mit mir die Dichte von PBT und dem Gummi für unser Projekt bestimmt. Dafür hat sie mir gezeigt wie man Schalen aus Papier macht. Da das aber Verhältnismäßig schnell ging, haben wir danach noch über das Projekt gesprochen und sie hat mir nochmal einen Stapel an Papers geschickt zum lesen.

Als wir gemeinsam essen gingen haben wir dann etwas geplaudert. Ich mag Orange. Sie ist sehr direkt und ungezwungen und auch wenn ihr englisch nicht das allerbeste ist lässt sie sich davon nicht abhalten alles zu fragen und zu sagen was ihr in den Sinn kommt. Sie hat mir erzählt, dass sie aus Zentralchina kommt und in ihrer Gegend viele Reisbauern leben. Sie hat es als eine der wenigen von ihrer Schule auf die Uni geschafft und ist gerade etwas unzufrieden mit ihrer Promotion, da sie nicht das Gefühl hat an etwas sinnvollem zu forschen. Das liegt glaube ich daran, dass ihr Freund an Biokompatiblen Polymeren, also Plastik, was medizinische Anwendung findet, forscht, was natürlich etwas mehr Sexappeal hat als schnödes Mischen von Polymeren und schauen, ob das Plättchen genug Strom leitet oder ob es hart genug ist. Wir haben uns auch viel über das Studium unterhalten. Nun muss ich tatsächlich einmal eine Lanze für mein Studium brechen. Es mag sehr hart sein und mit extrem viel Lernen und Stress verbunden sein aber ich wurde alles in allem gut vorbereitet. In China ist es so, dass man sehr früh in einen Arbeitskreis mit eingebunden wird und erst da anfängt Experimente zu machen, während in Deutschland man nur für seine Abschlussarbeiten in einen Arbeitskreis geht und dort mitarbeitet. Davor hat man allerhand Praktika in verschiedenen Disziplinen der Chemie. Dadurch habe ich einen Recht breiten Einblick in die Arbeitsweisen verschiedener Fachbereiche gekriegt und auch schon viele Grundlagen gelernt. Ich war zum Beispiel sehr schockiert als mir Orange später ganz begeistert Esel erklären wollte, was sie erst als Master Studentin in ihrem Arbeitskreis gelernt hatte. Erstens benutzen wir an der Uni Origin, was eine wissenschaftlichere Variante von Exel ist und zweitens haben wir das eigentlich schon ab dem ersten Semester benutzen müssen. Meinem Empfinden nach ist die Ausbildung in China sehr viel einseitiger, was ich vor allem in der Wissenschaft für problematisch halte, da die ja auch davon lebt, dass man neue Ideen aus anderen Bereichen einbringt.

Nach diesem erfolgreichen Tag habe ich mir dann ein Bad in meiner kleinen Badewanne gegönnt und dabei etwas Purcell gehört und jetzt gehe ich zufrieden und müde ins Bett.

Gute Nacht euch allen,

Zeno

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