Heute habe ich zum ersten Mal ein bisschen im Labor
gearbeitet. Leider habe ich die Nacht über wieder recht wenig geschlafen aber
als ich dann morgens ins Büro ankam und Xiaodong mich fragte ob er mir zeigen
soll wie der „Injection Moulder“ (ein Gerät mit dem man Plastik aufschmilzt und
in verschiedene Formen einspritzen kann), da war ich sofort hellwach. Da Gerät
zu bedienen ist eigentlich relativ simpel aber das Putzen dauer recht lange. An
dieser Stelle möchte ich ein bisschen was zu den chinesischen Laboren
schreiben.
In Deutschland beziehungsweise bei uns an der Uni gelten
recht strikte Vorschriften im Umgang mit Chemikalien. In der Forschung sind
diese noch enger. Man muss sich über das Gefahrenüotential jeder Chemikalie im
klaren sein, dementsprechend werden Chemikalien immer entsprechend gelagert
(Säuren und Laugen im Säurenschrank, brennbare Flüssigkeiten im feuersichern
Schrank und alles wird immer an seinem festen Platz gelagert), alle Glasgeräte,
Waagen, eigentlich alles wird immer sofort sauber gemacht, alles wird
fachgerecht entsorgt (vor allem Chemikalien und wenn es auch nur Alkohol ist)
und es werden eigentlich nie Sachen auf den Boden gestellt (Stolpergefahr). So
in China ist vieles genau andersherum. Im Labor steht alles voll mit leeren und
vollen Behältern. Gute zwei Drittel davon sind nicht beschriftet oder wenn dann
mit so aussagekräftigen Botschaften wie 1. Alles ist mit einer recht soliden
Schicht aus schwarzbraunem Dreck überzogen, der schon krebserregend aussieht
und eine rechte Ordnung gibt es nicht. Ein Teil des Geräts heute Morgen war
gute 300°C warm und aus jeder Ecke sifften Reste von frühere Polymeren die in
irgendwelche Ritzen gelangt waren nicht weggeputzt wurden und über die Zeit zu
schwarzem Teer verbrannt sind. Kurzum der Sicherheitsbeauftragte unserer Uni
Herr Deck wäre mehr als nur unzufrieden.
Von dem leichten Schock mal abgesehen war ich aber Feuer und
Flamme. Ich habe mir zeigen lasen wie man das Gerät bedient und dann ganz
eifrig Probenkörper gespritzt und die Ecken abgeschnitten. Bis wir genug für
die Tests morgen hatten war es Zeit für das Mittagessen. Nach dem Essen und der
Pause hat dann Orange (meine Doktorandin) zusammen mit mir die Dichte von PBT und
dem Gummi für unser Projekt bestimmt. Dafür hat sie mir gezeigt wie man Schalen
aus Papier macht. Da das aber Verhältnismäßig schnell ging, haben wir danach
noch über das Projekt gesprochen und sie hat mir nochmal einen Stapel an Papers
geschickt zum lesen.
Als wir gemeinsam essen gingen haben wir dann etwas
geplaudert. Ich mag Orange. Sie ist sehr direkt und ungezwungen und auch wenn
ihr englisch nicht das allerbeste ist lässt sie sich davon nicht abhalten alles
zu fragen und zu sagen was ihr in den Sinn kommt. Sie hat mir erzählt, dass sie
aus Zentralchina kommt und in ihrer Gegend viele Reisbauern leben. Sie hat es
als eine der wenigen von ihrer Schule auf die Uni geschafft und ist gerade
etwas unzufrieden mit ihrer Promotion, da sie nicht das Gefühl hat an etwas
sinnvollem zu forschen. Das liegt glaube ich daran, dass ihr Freund an
Biokompatiblen Polymeren, also Plastik, was medizinische Anwendung findet, forscht,
was natürlich etwas mehr Sexappeal hat als schnödes Mischen von Polymeren und
schauen, ob das Plättchen genug Strom leitet oder ob es hart genug ist. Wir
haben uns auch viel über das Studium unterhalten. Nun muss ich tatsächlich
einmal eine Lanze für mein Studium brechen. Es mag sehr hart sein und mit
extrem viel Lernen und Stress verbunden sein aber ich wurde alles in allem gut
vorbereitet. In China ist es so, dass man sehr früh in einen Arbeitskreis mit
eingebunden wird und erst da anfängt Experimente zu machen, während in
Deutschland man nur für seine Abschlussarbeiten in einen Arbeitskreis geht und
dort mitarbeitet. Davor hat man allerhand Praktika in verschiedenen Disziplinen
der Chemie. Dadurch habe ich einen Recht breiten Einblick in die Arbeitsweisen
verschiedener Fachbereiche gekriegt und auch schon viele Grundlagen gelernt. Ich
war zum Beispiel sehr schockiert als mir Orange später ganz begeistert Esel
erklären wollte, was sie erst als Master Studentin in ihrem Arbeitskreis
gelernt hatte. Erstens benutzen wir an der Uni Origin, was eine
wissenschaftlichere Variante von Exel ist und zweitens haben wir das eigentlich
schon ab dem ersten Semester benutzen müssen. Meinem Empfinden nach ist die
Ausbildung in China sehr viel einseitiger, was ich vor allem in der
Wissenschaft für problematisch halte, da die ja auch davon lebt, dass man neue
Ideen aus anderen Bereichen einbringt.
Nach diesem erfolgreichen Tag habe ich mir dann ein Bad in
meiner kleinen Badewanne gegönnt und dabei etwas Purcell gehört und jetzt gehe
ich zufrieden und müde ins Bett.
Gute Nacht euch allen,
Zeno
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